Sonntag, 15. Januar 2012

Tipp (1) Literatur-Wettbewerbe

Es gibt sie in den unterschiedlichsten Formen und die meisten sind nicht das Papier wert, das man verschwendet, wenn man die Teilnahmebedingungen ausdruckt. Ihr Geschäftsmodell ist nicht von dieser Welt. Die Arbeitskräfte erhalten nichts – zugegeben, das ist nicht neu – aber auch die Anbieter gehen leer aus. Und dennoch, für fast nichts rühren Letztere die Werbetrommel und für weniger als nichts hauen jedes Jahr Tausende in die Tasten und sind enttäuscht, wenn sie nicht zu den Glücklichen gehören, die etwas verschenken dürfen. Es geht um Literatur - Wettbewerbe. Und in der Regel geht es um Kurzgeschichten. Manchmal um Lyrik. Das sind jene Spielarten der Literatur, die frei sind. Von Einnahmen. Warum also?
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Eitelkeit? Das ist eine sichere Bank und zusammen mit Gier und Hormonen die Erklärung für den größten Teil unseres Handelns. Der Rest ist Hoffnung. Die Fähigkeit zur Illusion, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Religion. Gott. Godot. Die ausgeblendete Gewissheit, nichts für etwas zu bekommen. Kirchensteuer. Gebete. Kurzgeschichten.
Jetzt werden wir sachlich. Versprochen. Es gibt gute Gründe, Kurzgeschichten für Wettbewerbe zu schreiben. Wirklich.

  • Kurzgeschichten sind ein Cape Canaveral für Worte. Ein Testgelände. Man kann Wortraketen zum Absturz bringen, ohne sein gesamtes Oeuvre zu gefährden. Schreiben ist vor allem Handwerk und bevor man einen Altar schnitzt, sollte man mit einer Holzpuppe üben. Dramaturgie, Dialoge, Figurenzeichnung, die meisten Anforderungen, die einem später bei einem Roman begegnen, lassen sich mit Kurzgeschichten gut trainieren. Das Format erzieht zu Minimalismus. Wer gezwungen ist, ein Werk von 20 Seiten auf die im Wettbewerb geforderten 10 Seiten nochmals zu kürzen, lernt Ballast abzuwerfen. Adjektive, Adverbien, aber auch Figuren und Handlungsstränge, die für die Storyline keine tragende Funktion haben. Eine abgenutzte Delete-Taste ist ein sicheres Zeichen für Qualitätsbewusstsein, nicht für Unvermögen.
  • Man lernt nur im Wettbewerb mit anderen, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Banal, aber Schreiben ist ein einsames Geschäft und man sollte jede Gelegenheit nutzen, ein Feed-back zu erhalten. Freunde und Verwandte haben dabei selten das Standing, um über ihren sozialen Schatten zu springen. Erst mit einem Roman in den Markt-Wettbewerb einzutreten wäre ungeschickt, vor allem im Hinblick auf die Nutzung der eigenen Ressourcen.
  • Erst lesen, dann schreiben. Nur wenige Leser konsumieren regelmäßig Kurzgeschichten. Es lohnt sich, sich zuerst mit den speziellen Anforderungen dieser Textgattung vertraut zu machen. Literaturzeitschriften sind eine gute Basis. Viele veröffentlichen auch unabhängig von Wettbewerben Kurzgeschichten. Man bekommt ein Gefühl für (die eigene) Qualität. Die Veranstalter von Wettbewerben mit Texten auf Bäckerblume-Niveau zuzuschütten, ist allerdings keine Lösung. Im Blätterrauschen hunderter Teilnehmer vermindern sich dadurch leider auch die Chancen talentierter Autoren.
  • Wettbewerbe sind eine gute Möglichkeit, unterschiedliche Genres auszuprobieren. In der Regel korrespondieren die Schreibpräferenzen mit den Lesevorlieben eines Autors. Aber es gibt Grauzonen zwischen den Genres und ungeahnte Talente. Es gibt Krimiautoren, die gleichzeitig exzellente Kinderbücher schreiben und Autoren, die erst nach einem Genrewechsel Erfolg hatten. Man lernt nach einigen Wettbewerben sehr schnell, was einem leicht fällt und woran man sich die Zähne ausbeißt.
  • Neben Zeitschriften und Foren veranstalten vor allem kleine und neue Verlage Wettbewerbe. Es ist für sie die einzige Möglichkeit nahezu gratis an Texte zu kommen und mit Anthologie-Veröffentlichungen eine erste Marktpräsenz zu zeigen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Ein unbekannter Autor und ein unbekannter Verlag können durchaus eine Win-Win - Beziehung eingehen. Für den Aufwand einer Kurzgeschichte aus dem Google-Nirwana herauszutreten, hat einen Anreiz. Es gibt jedoch Anbieter, die nahezu jeden Text abzudrucken scheinen, und nicht jeden Verlag und jeden Anthologie-Titel möchte man dauerhaft mit dem eigenen Namen verbunden sehen. Es empfiehlt sich, die Webpräsenz des Anbieters zu prüfen, einen Blick hinter die Fassade zu werfen und nur an jenen Wettbewerben bzw. Ausschreibungen teilzunehmen, die man im Erfolgsfall auch in seine Veröffentlichungsliste aufnehmen kann, ohne vor Scham zu erblinden. Es geht um Werbung, nicht um Anti-Werbung. Manchmal entdeckt man über den Umweg eines Wettbewerbs einen hochprofessionellen jungen Verlag. Wenn die Kurzgeschichten vor dem Abdruck in einer Anthologie ein professionelles Lektorat durchlaufen (das der Verleger bezahlt), kann man Hoffnung schöpfen. Nichts ist für einen Autor so wertvoll wie die Zusammenarbeit mit einem engagierten Lektor. Für einen Verleger ist es teuer und ein gutes Indiz dafür, dass er eine langfristige Strategie verfolgt. Sich bei einem solchen Verleger im Wettbewerb gegen dreihundert Konkurrenten durchgesetzt zu haben, kann hilfreich sein, wenn es später darum geht, den ersten Roman zu vermarkten. Außer Suhrkamp und Rowohlt befinden sich bereits in einem blutigen Pitch um die Rechte am Manuskript.
  • Wenn man regelmäßig an Wettbewerben teilnimmt, wird die Menge an Veranstaltungen und die Nachverfolgung der eigenen Texte schnell unübersichtlich. Mit einfachen Tools lässt sich der Aufwand der Wettbewerbsteilnahmen gering halten. Es werden in den folgenden Posts mehrere Tools vorgestellt, die über Google Docs gratis abrufbar sind.




Abschließend möchte ich auf einen wunderbar bösartigen Essay von Sophie Andresky zum Thema Literatur-Wettbewerbe hinweisen und damit den Bogen schlagen zu meinem Entré: „Das Dschungelcamp für Autoren - Literaturwettbewerbe am Rande des Wahnsinns“.

Viel Spaß!

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