Sonntag, 8. Januar 2012

Tool (4.1) Metaplan – Einsatz als Kreativitätstechnik zur Unterstützung der Ideenfindung und Systematisierung

Alle Kreativitätstechniken und –hilfsmittel haben eines gemeinsam: sie sind simpel und bildhaft. So simpel, dass jeder Doku-Junkie, der die Super-Nanny anbetet, unweigerlich schon in den Genuss einiger dieser Techniken gekommen ist. Top-Manager mit siebenstelligen Jahresgehältern werden von Unternehmensberatern mit den gleichen Verfahren traktiert, wie Fünfjährige mit Problemeltern. Auf die Idee, das Metaplan-Verfahren für die Ideensammlung und Strukturierung beim Schreiben zu nutzen, bin ich erst gekommen, als ich einen (erfolgreichen) Autor zu Hause besuchte, der seine komplette Storyline auf gelben Haftnotizen untergebracht hatte.

Weiterlesen ...
 Ausgangspunkt war eine Ideensammlung für die Kapitel seines neuen Romans gewesen. Die ausgewählten Kapitel nahmen in Form einer Überschrift und Kurzbeschreibung auf jeweils einem Zettel Platz, jeder Akt wurde auf ein separates Fenster geklebt. Das Arbeitszimmer sah aus, als hätte dort ein Schwarm Zitronenfalter Rast gemacht. Der Vorteil dieser Methode ist offensichtlich: man muss seine Fenster nicht mehr putzen und kann auf Sonnenrollos verzichten. Der Nachteil wurde offensichtlich, als seine Frau ein Fenster öffnete. Der Herbstwind hat seine eigene Storyline kreiert und den Autor in eine tiefe Schaffenskrise geworfen.

Das Verfahren hat gegenüber jeglichem Listensystem tatsächlich naheliegende Vorteile. Man hat alle Ideen gesamthaft vor sich, man erkennt Zusammenhänge leicht und kann die Kapitel jederzeit und ohne Aufwand neu arrangieren.
Vorausgesetzt, man möchte seine Fenster auch weiterhin für die Frischluftzufuhr nutzen, kann man die Zettelwirtschaft deutlich professionalisieren, indem man die nach der Entwicklerfirma benannte Metaplan-Methode ein wenig zweckentfremdet. Alles, was man benötigt, sind ein (Kurzgeschichte) bis zwei (Roman) beidseitig mit Packpapier bespannte Pinnwände, die man für `nen Appel und `nen Ei bei eBay kaufen oder als zusammenklappbare Version aus dem Kofferraum jedes Unternehmensberaters klauen kann. Vergessen Sie nicht, den unter den Pinnwänden versteckten sog. ‚Moderatorenkoffer’ ebenfalls mitgehen zu lassen. Die dort enthaltenen Pappkärtchen von 1/3 DIN A4 (nehmen Sie mind.100 Stück in unterschiedlichen Farben und 10 deutlich größere weiße; Karteikarten sind zu dick, und normales Papier klappt zusammen, glauben Sie mir) können Sie ebenso wie den breiten schwarzen Filzschreiber und das Kästchen mit Pinnnadeln in jedem größeren Schreibwarenladen bekommen. Die Investition lohnt sich, insbesondere, wenn Sie neben der Schreiberei noch eine Familie mit divergierender Interessenlage managen müssen, oder als Politiker in Afghanistan unterwegs sind. Warum, erfahren Sie später.

Zum Verfahren:
  1. Die Ideen zum Thema (z B zu Roman-Themen, -Charakteren, -Kapiteln, Mordmethoden im Krimi, alles ist möglich) werden mit dem breiten Filzstift auf die Karten geschrieben. So groß, dass Sie den Text leicht entziffern können, wenn Sie sich in einem Abstand befinden, der Ihnen einen Gesamtüberblick ermöglicht. Wenn man später am Schreibtisch sitzt und die Pinnwand während des Schreibens ein paar Meter entfernt steht, sollte man nicht jedes Mal aufstehen oder das Theaterglas auspacken müssen, um den Text zu erkennen. Ab drei Metern max. dreizeilig schreiben. Das hört sich detailversessen an, aber die Assoziationsfähigkeit sinkt rapide, wenn man die Karten einzeln nacheinander lesen muss. Es werden möglichst viele Karten geschrieben. Alles ist erlaubt. Spinnereien sind ausdrücklich erwünscht. Oft bekommt man erst über den Umweg einer Spinnerei später eine ebenso ausgefallene wie real umsetzbare Idee.
  2. Die Karten mit den Ideen werden mit den Nadeln an die Pinnwand geheftet. Wenn man sie gesamthaft betrachtet, assoziiert man idR weitere Ideen, die man ergänzt. Es kann lohnend sein, die Karten ein oder zwei Tage ruhen zu lassen. Der gewonnene Abstand führt oft zu einer neuen Perspektive und neuen Ideen. Erst in die Breite gehen, dann in die Tiefe. Für einen Diätplan würde ich das nicht unterschreiben, aber hier stimmt es.
  3. Im nächsten Schritt werden die Karten nach thematischer Zusammengehörigkeit gruppiert.
    Wir spielen im Folgenden ein Beispiel detailliert durch. Sie wollen einen Hard Boiled - Thriller aus der Perspektive eines einzelnen Auftragskillers schreiben und suchen per Metaplan besonders ausgefallene Mordmethoden. An der Wand haben Sie jetzt aus Schritt 1 vielleicht 30 Ideen. Wenn der Killer je nach Auftrag Terrorakte mit Abschreckungswirkung, Einzel-Attentate auf Politiker und für Ehefrauen mit Erbgier Morde an Ehegatten ausführen soll, die nicht als solche erkennbar sein dürfen, dann könnten Sie die Mord-Ideen jetzt diesen drei Gruppen zuordnen.
  4. 30 komplexe Anschläge sind selbst für einen Killer mit preußischem Arbeitsethos für Ihre vorgesehene Romanzeitspanne zu viel. Sie schreiben Ihre drei wichtigsten Kriterien für einen guten Mord auf ein Flipchart: z B Machbarkeit für einen Einzel-Killer (Ausschluss-Kriterium, wenn Sie dieses Konzept fest vorgeben), Ausgefallenheit und Ihre eigene Kompetenz für eine authentische Beschreibung rsp. Rechercheaufwand. Wenn eine Mordidee eine Bedingung erfüllt, geben Sie Ihr einen Klebepunkt (aus dem geklauten Moderatorenkoffer) oder Sie nehmen einen passend gefärbten Stift. Sinnvollerweise fangen wir in unserem Fall mit dem Ausschluss-Kriterium an. Die Karten, die dieses Kriterium nicht erfüllen, nehmen wir auf die Rückseite der Pinnwand. Sie bekommen einen roten Punkt und sind nicht mehr im Spiel. Nicht wegwerfen, sie können noch zur Inspiration für neue Ideen dienen, vielleicht werfen Sie zu einem späteren Zeitpunkt das Ein-Killer-Konzept um und reaktivieren die Karten, oder Sie haben Input für ein anderes Schreib-Projekt, z B eine Kurzgeschichte. Gute Morde braucht man immer. Wenn Sie wenige Kriterien für die Bewertung Ihrer Ideen heranziehen, können Sie nach dem Ampel-Prinzip vorgehen. Ideen die alle Kriterien erfüllen, erhalten einen grünen, die restlichen einen gelben Punkt. Bei komplexen Fragestellungen mit vielen Kriterien bekommen die Karten für jedes erfüllte Kriterium einen Punkt. Die Bewertung erfolgt dann anhand der Anzahl der Punkte. Bringen Sie die Karten je Cluster in eine Rangfolge untereinander.
  5. Sie erkennen sofort, wo Sie ggf. weitere Ideen nachlegen müssen oder aufgrund des Überangebots gering bewertete Karten aussortieren können. Sie identifizieren in unserem Bsp. dabei einen Problemfall. Sie haben nur eine Karte im Cluster ‚Darf nicht wie Mord aussehen’ und die ist als gelb eingestuft, weil bereits Derrick damit hausieren ging. Ihnen fehlt also noch ein cooler Mord für eine wirklich böse Ehefrau im Scheidungskrieg, die dringend den Erbfall und die 100 Mio € ihres Noch-Gatten herbeisehnt.
    Problemlösungen entstehen jetzt durch Assoziationen. Mal sehen, was uns innerhalb von 5 Minuten einfällt, wenn wir den Blick über die Pinnwände schweifen lassen. Warum nicht eine der überreichlich vorhandenen Terrorakt-Ideen mit dem Erb-Mord kombinieren? Wir nehmen die überzählige, aber für unser Anliegen geeignete Terroridee herüber in das fast leere Cluster. Ein Terrorakt wird zur Vertuschung eines Erb-Mordes begangen. Der Ehegatte stirbt als scheinbar Unbeteiligter, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Grausam und ausgefallen, aber evtl. zu klinisch? Dann nimmt Daddy den gemeinsamen Sohn überraschend mit. Beide kommen um. Die Ehefrau ist jetzt reich, aber sie hat mit dem Tod ihres über Alles geliebten Kindes bezahlt. Niemand gewinnt. Alle verlieren. Hard Boiled.
    Jetzt doch wieder zu hart? Es fehlt Ihnen noch eine Prise Lovestory in Ihrer Romansuppe? Ganz schön anspruchsvoll. Sie haben auf einer anderen Wand ihre Romanfiguren gesammelt. Sie spielen verschiedene Beziehungskonstellationen durch, malen Verbindungslinien und ein paar Herzchen, aber die Ideen sind Ihnen zu gewöhnlich. Sie kommen nicht weiter. Außerdem hat der Killer zu wenig Identifikationspotenzial für den Leser. Er ist zu eindimensional. Sie sehen zur anderen Wand. Eine Assoziation entsteht. Sie sehen zwischen den Wänden hin und her. Sie haben eine Lösung gefunden, die beide Probleme auf ein Mal löst und das Konfliktpotenzial im Höhepunkt durch einen zusätzlichen Twist noch weiter auf die Spitze treibt. Aber die Hauptfigur wird sich ändern müssen. So richtig. Sie wechselt das Geschlecht. Wir haben eine Bundeskanzlerin, da ist eine Killerin längst überfällig. Die Killerin kommt dem Zielobjekt näher, während sie ihn auskundschaftet und ihre harte Schale bekommt Risse. Sie verliebt sich in ihn, was sie in mehrere Konflikte stürzt, die unlösbar scheinen. Zur Polizei kann sie aufgrund ihres wenig geschätzten Berufsstands nicht gehen. Wenn sie ihn nicht tötet, verrät sie ihre Auftraggeber, ein gefährliches Unterfangen. Danach müssten beide untertauchen. Und retten kann sie ihn nur, wenn sie sich als Killerin zu erkennen gibt. Wie wird er reagieren? Wird das ihre Liebe zerstören? Geht er gar zur Polizei? Die Auflösung im Höhepunkt könnte eine doppelte Täuschung sein. Sie führt den Terrorakt zur Vertuschung des Mordes wie geplant durch, aber ohne jemanden zu töten. Das stellt gewisse Anforderungen an die Methode, wenn es nicht auffallen soll. Danach beginnen die beiden woanders ein neues Leben (Happy End Version). Oder die Organisation, die ihr den Auftrag vermittelt hat, spürt sie nach einer kurzen, aber glücklichen Zeit auf. Sie rettet den Mann, indem sie sich opfert (Hard Boiled Version mit einem weiteren unerwarteten Twist).
    Wenn Sie sich für die letzte Version entscheiden, denken Sie daran, ihrem Manuskript eine Schachtel Kleenex beizulegen, wenn Sie es an ihren Agenten oder Verleger verschicken, sonst bekommen Sie ein aufgeweichtes Exemplar zurück. Wir haben in wenigen Minuten aus ein paar losen Ideen die Lösung für die gesuchte Mordmethode gefunden, der zentralen Figur Mehrdimensionalität verliehen und gleichzeitig, fast ungewollt, die Storyline für den finalen Höhepunkt assoziiert.
Der Meta-Plan eignet sich natürlich auch prima, um die komplette Kapitelabfolge zu entwickeln und zu analysieren, indem man Perspektivwechsel, Konflikte, Höhepunkte und Wendungen durch unterschiedliche Kartenfarben visualisiert. Dramaturgische Schwachpunkte werden ‚offensichtlich’.

Wer wissen will, wie das notwendige Material aussieht:
Metaplan - Kopie
Quelle: Uni Düsseldorf
Nachteile des Meta-Plan:
  • Platzbedarf für die Pinnwände zu Hause
  • für Autoren, die viel unterwegs schreiben, nur bedingt geeignet
  • Fokus (für Autoren): Brainstorming, Ideenstrukturierung und -auswahl; wenn eine gewisse Detailtiefe erreicht ist, wird ein einzelner Meta-Plan schnell unübersichtlich; dafür gibt es bessere Methoden, zu denen wir noch kommen
  • eine kleine Anfangsinvestition (alle anderen vorgestellten Methoden sind kostenfrei)
Die Puristen werden schimpfen: „Aber für Einzelkämpfer wie Autoren ist der Metaplan doch gar nicht gedacht!“
Stimmt. Der Metaplan lässt sich noch viel besser verwenden. Deshalb der versprochene Exkurs für gestresste Familienväter/-mütter im nächsten Post.

Kommentare: