Sonntag, 8. Januar 2012

Tool (7) Vier-Spalten-Methode - Kreativitätstechnik zur Überwindung von Schreibblockaden

Die Vier-Spalten-Methode stellt in jeder Hinsicht einen Sonderfall unter den Kreativitätstechniken dar, die ich in diesem Blog beschreibe. Im Gegensatz zu den bisher vorgestellten Methoden Metaplan, Clustering und Mindmap ist die Vier-Spalten-Methode kein Brainstormingverfahren. Auch die Verbindung graphischer und textlicher Elemente spielt keine Rolle. Das Verfahren wurde von einem führenden Anbieter von Schreibseminaren (Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie) aus der täglichen Praxis heraus entwickelt. Das Ziel ist, Schreibblockaden zu lösen und den Einstieg in einen neuen Text zu erleichtern. Wenn wir für den kreativen Prozess ein grobes Phasenmodell zu Grunde legen, das ausgehend von der Ideenfindung und –strukturierung (Metaplan, Clustering), über die Detaillierung der Ideen (Mindmap) schließlich zum Text führt, dann setzt die Vier-Spalten-Methode am Anfang dieser letzten Phase an. Sie kann den anderen Verfahren nachgeschaltet werden. Im Gegensatz zu den anderen Methoden fokussiert die Vier-Spalten-Methode ausschließlich Autoren und ist alleine deshalb schon einen Blick wert.
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Aber mir wird langweilig. Ihnen auch? Dann machen wir einen Ausflug. Lassen wir sie fließen und schauen, was passiert. Die Kreativität.

‚Aller Anfang ist schwer’. Der Satz ist das Paradebeispiel für ein Klischee. Er steht auf der Verbotsliste für Autoren ganz oben und sieht auf mich herab. Ich bin beschämt. Man kann die unzensierte Assoziation auch übertreiben. De nouveau. Schreibprojekte sind fies. Was sie fies macht, ist gleich (Füllwörter sind auch verboten!) ein ganzes Bündel von Eigenschaften. Wir müssen das Projekt alleine stemmen. Wir haben keine Ahnung, wo es hinführt.
„OK“, werden Sie sagen, „die hat ein Politiker auch nicht, trotzdem spielt er mit Steuergeldern Monopoly.“
Er bekommt dafür fette Diäten (Wortgewichse ist auch verboten, Brackets ebenso, Englisch sowieso, deshalb lass’ ich das jetzt). Und er hat Pensionsanspruch. Er kann nur gewinnen. Wir können nur verlieren. Zeit, Geld, Selbstachtung. Vor allem letztere. Und es gibt einen Point of no Return, den wir fürchten. wie Armageddon. Den er tief unten am Grund abwartet. In Sicherheit vor uns und unserer einzigen Waffe. An dem uns der dramaturgische Supergau aus dem Buchstabenmeer entgegen springt wie ein Delfin mit Haifischmaul und grinst:
Seite 300! Les jeux sont fait. Vergiss Delete. Ich bin unsterblich!
Wir fürchten ihn, noch bevor wir dem Cursor den ersten Buchstaben ins Maul gestopft haben. Dem blinkenden Dauerstartschuss. Dem Metronom des eigenen Versagens.
„Da! Friss!“, möchten wir schreien und können nicht. „Wenn nur der Anfang nicht wäre, ja dann, dann ...!
... ist auch verboten. Zu viele ! auch. Nach einem Absatz ist mein Strafregister bibeldick. Zeit wieder sachlich zu werden.
Aufgewacht? Noch nicht?
„Und Sicherheit?“, gähnen Sie, „die braucht doch jeder.“
Ja, die gibt es auch für Autoren. Kein Geld zu verdienen.
„Kein Geld, kein Nichts, wen oder was sucht ihr dann?“
Uns oder GODOT, vielleicht sind wir auch der Gleiche.
„Das macht doch krank!“
Sie meinten „ihr seid doch“, aber Danke. Krank? Durchfall, Alkohol, für Drogensucht fehlt uns das Geld, für Sexsucht die Zeit. Am Ende Hemingway. Nein, nicht der Nobelpreis, ich meine das Andere.
Aller Anfang ist schwer’. Ich steh zu dir, mein Wortdirndl.


Aufgewacht? Ausflug beendet? Dann geht es weiter. Bald ist’s geschafft.

Das Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie (IAK) hat mit Hilfe komplexer Statistiken festgestellt, dass die Suizidquote unter den Seminarteilnehmern am Anfang der Veranstaltungen höher war als am Ende. Was einerseits für die Qualität der Veranstaltungen sprach und andererseits den Anfang als lohnendes Untersuchungsobjekt erscheinen ließ.
Die Vier-Spalten-Methode ist das ruhmreiche Ergebnis.
Mea culpa. Es ist gar nicht so einfach aus dem ‚Lass es raus’-Modus wieder in den Sachmodus zurück zu finden. Aber die Beobachtung, dass neben den beabsichtigten Überlegungen immer wieder freie Assoziationen auftauchen, die manchmal produktiv sind, aber häufig auch blockieren, passt zum Thema. Es war Freud’s Technik, bei der Deutung seiner Träume zwei Textspalten zu benutzen: eine für die Traumbeschreibung und eine weitere für freie Assoziationen. Freud’s Methode hat Dr. Jürgen vom Scheidt und sein Team auf die Idee gebracht, dieses System für den speziellen Bedarf von Autoren weiterzuentwickeln.

Verfahren
Gerade versucht mein Spieltrieb, mich von meinem Sachtext in ein dämliches Wortspiel mit IAK und AOK zu locken. Ich kann dem Ruf der Assoziation folgen und den Rest des Posts als Satire beenden oder das machen, was die Vier-Spalten-Methode empfiehlt. Ich mache eine erste Textspalte auf, in der ich das Wortspiel parke und eine zweite, in der ich meinen beabsichtigten Text schreibe. Die erste Spalte nennt vom Scheidt das Logbuch. In ihm werden spontane Assoziationen abgelegt, die in keiner unmittelbaren Beziehung zum Text in der zweiten Spalte stehen. Die erste Spalte hat noch eine weitere Funktion. Schreibblockaden am Anfang eines Textes treten idR nicht auf, wenn die Gedanken und die Tinte erst einmal fließen. Das Entscheidende ist: es muss nicht notwendiger Weise der beabsichtigte Text sein. Also warum nicht etwas Einfacheres als Starthilfe nehmen? Um sich zu diesem ersten Schritt zu motivieren, empfiehlt vom Scheidt standardmäßig Fragen an sich selbst in die erste Spalte aufzunehmen, deren Beantwortung den Schreibfluss in Gang setzt. Die Initiative und der Zugzwang werden dadurch vom Autor weggenommen und in den Text hineingelegt, der gleichsam selbst die Initiative ergreift. Ein interessanter Gedanke. Dass vom Scheidt Psychologe ist, merkt man der Formulierung der Fragen an. Wenn diese mit ‚Wie geht es mir mit...’ anfangen, gehen bei mir die Schotten runter. Klischee pur. Ich sehe mich sofort auf der Couch und mein Ironiezentrum fängt an zu brodeln. Ich hätte meine erste Spalte schon voll, bevor ich mich an die Beantwortung der Fragen machen könnte. Aber das mag nur mir so gehen, und es geht natürlich weniger um die Form und den Inhalt der Fragen, als um den anregenden Impuls. Die Fragen, die das Institut vorschlägt sind:
  • Wie geht es mir?
  • Was ist mein Projekt/Thema?
  • Wie geht es mir mit diesem Projekt/Thema?
Die Zweite Spalte enthält den normalen Text.

In die dritte Spalte trägt man Gedanken ein, die sich auf den Haupttext beziehen, z B Anmerkungen zu Textstellen, mögliche Probleme, was man sich noch einmal ansehen sollte und dergleichen. Den Haupttext für eine entsprechende Überarbeitung zu unterbrechen, sollte vermieden werden. Mañana zu sagen, ist ausnahmsweise nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Die vierte Spalte wird Flohmarkt genannt. In ihr finden Gedanken Platz, die andere oder neue Textprojekte betreffen.

Die vier Spalten sollten möglichst auf einem Blatt untergebracht werden, z B durch entsprechendes Falten. Das IAK benutzt hierfür spezielle Bögen. Die Aufgabe der Spalten 1, 3 und 4 ist, alles beiseite zu räumen, was den Schreibfluss hemmen könnte. Jedoch nicht, indem man sich manisch zur Konzentration auf den Text zwingt, sondern, indem man den potenziellen Bremsern neue Räume schafft. So ist gleichzeitig die Konzentration auf das Kernprojekt und das Zulassen der natürlichen kreativen Prozesse möglich, und man kann den Text ungehindert fließen lassen. Jeglichen Text, denn auch die abweichenden Assoziationen können wieder Ideen in Gang setzen, die den Haupttext befruchten. Und sie sind hilfreich, um bei der späteren Überarbeitung des Haupttextes die kreativen Prozesse nachvollziehbar zu machen.

Die Hinweise zum Ingangsetzen des Schreibflusses und zur Vermeidung von Schreibblockaden wird man bei den meisten Veranstaltern von Kreativ-Seminaren für Autoren wiederfinden. Aber die methodische Umsetzung hört sich interessant an. Über den Link kann man sich die Vier-Spalten-Methode auf der Website des Institutes en détail ansehen. Es werden natürlich auch entsprechende Seminare angeboten. Das Institut ist einer der erfahrendsten Seminarveranstalter dieser Art in Deutschland.
Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie

Zusammenfassung
Es gibt hunderte Tools im Bereich der Kreativitäts-Techniken. Viele sind Abwandlungen einiger weniger Grundmodelle und fußen auf den gleichen psychologischen und neurologischen Erkenntnissen. Die vier vorgestellten Verfahren sind insofern beispielhaft und subjektiv. Metaplan, Clustering und Mindmap nutze ich in meinem Brotberuf im Management seit 20 Jahren permanent. Und auch als Schreiberling von der Kurzgeschichte bis zum Roman. Als Mittel zum Zweck. Ich verkaufe und bewerbe keines der Tools, ich biete auch keine entsprechenden Seminare an.
Alle Verfahren sollten auch für Privatleute/Erstanwender leicht verständlich sein. Sie werden im Schulbetrieb mittlerweile genauso eingesetzt wie in Unternehmen oder in der Forschung. Wenn die Posts verwirrt haben, liegt es an mir und nicht an den Methoden. Lassen Sie sich nicht abschrecken.
Man wird nirgendwo das perfekte Verfahren für sich finden, das auch noch für alle Arten und Phasen von Text-Projekten gleichermaßen geeignet ist. Aber auf Kreativitätstechniken vollkommen zu verzichten, bedeutet, auf sein Potenzial zu verzichten, und das ist garantiert der schlechtere Weg.

Good Luck!

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