Mittwoch, 30. Mai 2012

Rezension – „The Dead Room“ von Robert Ellis (Kindle Edition, engl.)


Bildquelle: Amazon.de

Umfang:
ca. 416 S. (Print Version)

Inhalt:
Teddy Mack, ein junger Anwalt wird von seinem Chef, dem Partner einer renommierten Kanzlei für Wirtschaftsrecht, als Verteidiger eines Mordverdächtigen eingesetzt. Der Fall scheint aussichtslos. Der Verdächtige, ein grobschlächtiger Postbote und ehemaliger Metzger, wurde blutverschmiert am Tatort gesehen, in seinem Besitz wurde die Tatwaffe gefunden, und er hat eindeutige Spuren auf der Leiche hinterlassen. Das Opfer, eine attraktive junge Frau aus einer „Old Money“-Familie in Philadelphia, wurde mit einem Messer brutal zugerichtet. Der Verdächtige gibt schließlich in einem Geständnis die Tat zu, obwohl er offensichtliche Gedächtnislücken zum Tathergang hat. Er ist psychisch stark angeschlagen.

Der Staatsanwalt, der für den Posten des Bürgermeisters kandidieren will, nutzt den scheinbar sicheren Fall, um sich in der Öffentlichkeit zu profilieren. Der Verdächtige wird medial nach allen Regeln der Kunst vorverurteilt. Die Todesstrafe scheint sicher.

Teddy Mack kommen erste Zweifel an der Schuld seines Mandanten, als er bei der Überprüfung seines Backgrounds feststellt, dass er ein talentierter Künstler ist, der liebevoll mit den wenigen Menschen umgeht, die ihn trotz seines Äußeren nicht meiden. Als er merkt, dass selbst sein Chef an einem Freispruch des Mandanten aus familiären Gründen nicht interessiert ist, reagiert der Anwalt mit Trotz. Sein eigener Vater war vor Jahren auf Grund eines Justizirrtums verurteilt und im Gefängnis ermordet worden. Teddy Mack gewinnt einen Juraprofessor, der dem Staatsanwalt bereits eine fehlerhafte Verurteilung zur Todesstrafe nachweisen konnte, als Partner für seinen Fall. Als weitere parallele Todesfälle in der Vergangenheit ermittelt werden, wird klar, dass man es mit einem Serienkiller zu tun hat. Ein neuer Entführungsfall, der während der Inhaftierung seines Mandanten stattfindet, erhärtet seinen Verdacht, dass seinem Mandanten die Täterschaft angehängt werden soll. Teddy Mack ermittelt einen weiteren Verdächtigen, der vom Staatsanwalt geschützt wird, weil seine Familie ihn mit Wahlkampfspenden unterstützt. Langsam tauchen immer mehr Risse in der Beweisführung der Staatsanwaltschaft auf. Auch andere Beteiligte haben Eigeninteressen, die der Wahrheitsfindung entgegenstehen.

Dem tatsächlichen Killer, einem gefährlichen Psychopathen und Massenmörder, bleiben die Bemühungen des Anwalts nicht verborgen, wodurch dieser selbst in Gefahr gerät.

Ort der Handlung: Philadelphia

Perspektive:
personale Persp., überwiegend aus der Sicht von Teddy Mack, jedoch z T auch aus Sicht anderer handelnden Personen, z. B. des Killers.

Erzählzeit: Vergangenheit

Struktur und Spannungsbogen:
Die Struktur ist für einen Thriller dieser Art nicht wirklich ungewöhnlich: Underdog-Anwalt kämpft in einem aussichtslosen Fall gegen übermächtige Gegner. Spannend wird die Story vor allem durch zahlreiche Set-up’s, die erst spät aufgelöst werden und durch eine Vielzahl cleverer Twists. Nichts ist wie es scheint und selbst als die Wahrheit langsam Kontur anzunehmen scheint, stellt ein finaler Twists alles wieder in Frage. Immer wieder wird geschickt mit der persönlichen Historie des Protagonisten gespielt, die ihm einerseits hilft, den nötigen Biss für den Fall zu entwickeln, die ihn andererseits aber auch empfänglich für Manipulationen macht. Diese Vielschichtigkeit hebt das Buch über viele andere Thriller dieses Genres hinaus. Darüber hinaus ist die Geschichte ausgesprochen handlungsorientiert, ganz anders als die Mehrzahl der Justizthriller von Grisham & Co. Dass der Autor aus der Filmindustrie kommt und Ahnung von Drehbüchern und deren typischen Fallen hat, merkt man dem Buch jederzeit an. Es ist sehr professionell geschrieben.

Eine kurzzeitige Schwäche hat das Buch nach dem actionreichen Höhepunkt. Man erwartet einen kurzen, klärenden Epilog, doch immer wieder wird ein neues Kapitel angehängt. Dass ganz am Ende nochmal ein finaler Twist kommt, versöhnt, aber einige Kapitel hätte man hier kürzen können. Dass der Wertewandel des Protagonisten und seine Reaktion auf die letzte moralische Herausforderung ganz am Ende offen gelassen wird, ist aus meiner Sicht kein Nachteil. Es regt zum Nachdenken an.

Charaktere:
Der Protagonist und seine wichtigsten Gegenspieler werden sehr detailliert ausgeleuchtet, wobei der Autor darauf achtet, nicht deskriptiv (langweilig!) zu werden, sondern über die Handlung die Charaktere für den Leser erschließt.

Etwas zu kurz kommt die (unvermeidliche) Lovestory mit der Mitarbeiterin des Staatsanwalts. Daraus hätte man auf der psychologischen Ebene noch mehr machen können.

Sprache/Duktus:
Die Sprache ist dem Genre jederzeit angemessen. Die Sätze sind nicht pseudobarock aufgebläht, sondern reflektieren die Handlungsorientierung, dennoch ist die Sprache nicht platt. Der Wortschatz orientiert sich eher am oberen Ende des Genres. Wie die deutsche Übersetzung reüssiert, kann ich nicht beurteilen. Ich habe die Story im amerikanischen Original gelesen, was ich ohnehin nur empfehlen kann. Zu oft ruinieren die Übersetzungen das Lesevergnügen, gerade im Hinblick auf Dt.-Engl.. Die Sprachen sind grammatikalisch und verbal einfach zu unterschiedlich.

Fazit:
Sehr spannende Unterhaltung, die ein paar Kapitel Anlauf braucht und kurz vor Ende einen kleinen Hänger hat. Der sorgfältig ausgearbeitete Plot ist authentisch und originell. Der Protagonist macht einen Wertewandel durch, der nachvollziehbar ist und der eine soziale Aussage stützt, die einen nachdenken lässt, auch wenn es sich (nur) um einen Thriller handelt. In die Falle des todsicheren Vorurteils tappt jeder in den verschiedensten Lebenslagen. Wer damit psychologisch und medial clever spielen kann und die richtigen Knöpfe drückt, hat als Politiker, Manager oder in seinem normalen sozialen Umfeld leichtes Spiel und bestimmt, wohin die Reise geht. Die Frage „ Was ist das tatsächliche Motiv eines Menschen hinter dem offensichtlichen?“ kann man sich nicht oft genug stellen. Nur selten sind Appearance & Reality deckungsgleich. Dass das Leitthema des Thrillers jeden Leser in seinem täglichen Leben berührt (ohne dass gleich Blut fließen muss), sorgt für Empathie. Wer sich für das Thema auf etwas höherem Niveau interessiert, dem sei „Primary Colors“ ans Herz gelegt.

Die Hauptfiguren bieten ausreichende Tiefe und Identifikationspotenzial, auch wenn das ein oder andere Klischée bedient wird (insb. im Hinblick auf den Staatsanwalt und seinen Polizisten-Gehilfen). Die private Seite des Protagonisten außerhalb der Vater-Sohn-Beziehung kommt etwas zu kurz. Vieles wird nur angerissen und dann fallengelassen. Die Hauptfiguren werden durch die Nebenfiguren insgesamt gut unterstützt.

Der Text ist sprachlich oberer Durchschnitt (für einen Thriller), in einzelnen Passagen auch exzellent.

Stärkster persönlicher Eindruck:
Die Schilderung des „Dead Room“. Hier hat jemand Pate gestanden, der schon die eine oder andere Hinrichtung erleben durfte.

Subjektive Bewertung:
4 Sterne (von maximal 5)

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