Donnerstag, 24. Mai 2012

Rezension – Maniac-Fluch der Vergangenheit (Original: The Book of the Dead, 2006) von Douglas Preston und Lincoln Child


Bildquelle: Amazon/Knaur


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Genre:
Thriller

Inhalt:
Um von einem Skandal abzulenken, beschließt das New York Museum of Natural History in seinen Räumen eine pompöse Ausstellung zum Grab des Senef aus Ägypten durchzuführen, ein Vorhaben, das bereits in den 30er Jahren aufgrund von Todesfällen, die angeblich mit einem auf dem Grabmal liegenden Fluch zu tun hatten, abgebrochen werden musste. Das auf verschlungenen Wegen nach New York gelangte Grabmal war damals in den Kellergwölben des Museums eingemauert worden und war in Vergessenheit geraten.

Wieder kommt es bei den Vorbereitungen zur Ausstellung zu grausamen Todesfällen unter den Mitarbeitern des Museums, die die Museumleitung jedoch nicht von ihrem Vorhaben abbringen können.

Laura Hayward, ein Captain der New Yorker Polizei, übernimmt die Ermittlungen. Schnell stellt sich heraus, dass die Todesfälle offenbar von Mitarbeitern des Museums verübt wurden, die alle eine seltsame Gehirndeformation aufweisen. Die Ursachen bleiben im Unklaren. Parallel zu den offiziellen Ermittlungen von Captain Hayward nimmt sich eine Gruppe um den ehemaligen und derzeit unschuldig im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses einsitzenden FBI Special Agent Aloysuis Pendergast des Falles an. Sie verdächtigen Diogenes Pendergast, den wahnsinnigen Bruder des Agenten, mit den Taten in Zusammenhang zu stehen und außerdem einen Anschlag während der Eröffnungsfeierlichkeiten zu planen. Sie befreien den Agenten und versuchen gemeinsam, den Anschlag zu vereiteln und Diogenes zur Strecke zu bringen.


Autoren:
Douglas Preston und Lincoln Child sind ein Duo, das bereits zahlreiche Bestseller gemeinsam verfasst hat. Maniac ist Teil einer Romanreihe um Pendergast.

Perspektive:
IdR kapitelweise wechselnde, personale Perspektiven.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Das Museum als Haupthandlungsort wird sehr detailliert und kenntnisreich beschrieben. Einer der Autoren hat früher in diesem Museum gearbeitet. Die Schilderung der Örtlichkeiten ist authentisch und bildgewaltig und sicher die zentrale Stärke des Romans. An Originalität und Kopfkino-Potenzial mangelt es dem Setting nicht. Die riesigen Kellergewölbe des Museums voller seltsamer Artefakte erweisen sich als perfekte Kulisse. Selbst ohne Handlung wäre diese Reise spannend.

Struktur und Spannungsbogen:
Das auslösende Ereignis ist im Falle dieses Thrillers kein actionreicher Knaller (Attentat etc.), sondern ein Paket ohne Absender, das dem Museum zugestellt wird und in dem sich die zu Staub zerstoßene und zuvor entwendete Juwelensammlung des Museums befindet. Um diesen Zwischenfall vergessen zu machen, plant die Museumsleitung die Ausstellung, um die sich der Großteil der Handlung dreht. Dass der Antagonist der Absender des Paketes ist, ahnt der Leser relativ schnell, da sich alles um die geplante Ausstellung dreht und jeder halbwegs vernünftige Autor dieses Ereignis zum Zeitpunkt des zentralen Auftritts des Antagonisten wählen würde. Das tut der Spannung jedoch keinen Abbruch. Der Roman ist eine Kombination eines klassischen Whodunit-Krimis, in dem ein Kommissar ermittelt, wer für die Todesfälle im Museum verantwortlich ist und einem Verhinderungs-Thriller, in dem verschiedene Personen versuchen, einen Anschlag zu verhindern.

Die Autoren nutzen dieses duale Potential geschickt. Zusammen mit den wechselnden Perspektiven der handelnden Personen werden immer wieder neue Twists und Spannungshochs erzeugt, die schließlich im Anschlag und einem Nachspiel münden, indem der bereits bekannte Täter gejagt wird. Selbst Sidestories, wie die Befreiung des Bruders des Antagonisten aus dem Gefängnis, sind clever gemacht, handlungsgetrieben und spannend.

Die Autoren arbeiten ihre Storyline professionell ab, praktisch jedes Kapitel endet mit einem angemessenen Cliff Hanger, der den Leser zwingt, weiterzulesen.

Eine Stärke des Romans ist seine inhaltliche Originalität. Sowohl das Setting als auch die perfide und intelligente Methode, mit der der Antagonist seine Opfer in den Wahnsinn treibt, sind sehr speziell.

Der Storyaufbau und die eingesetzten Techniken sind professionell und in der Wirkung spannend, aber auch nicht wirklich ausgefallen. Die Inhalte werden dem Leser im Gedächtnis bleiben, der Aufbau ist dagegen m E etwas zu schematisch geraten.

Charaktere:
Hier hat der Roman für mich seine größte Schwäche. Die Autoren schaffen durch die Vielzahl der mit einer eigenen Erzählperspektive ausgestatteteten Figuren ein hohes Erzähltempo. Der negative Effekt ist, dass es zwar einen definierten Antagonisten gibt, der, wenn auch etwas spät, ausreichend Kontur erhält, dass es daneben aber mit der Polizistin, ihrem Ex, einer Kuratorin, ihrem (überflüssigen) Journalisten-Ehemann, einem Techniker, seinem Kollegen, einem fiesen FBI-Mann, einem Gefängnisdirektor nebst Mitarbeitern und A. Pendergast und seinem Mündel einfach zu viele Figuren gibt, in deren Perspektive der Leser eintaucht. Das ist overdone. Aufgrund der quantitativen Dichte wird bei einzelnen Figuren auf Klischées im Hinblick auf Rollenmodelle zurückgeriffen und die Zuordnung gut vs. böse gerät, mit Ausnahme des Antagonisten, zu eindimensional. Ein echter Protagonist, der ausreichend Identifikationspotential für den Leser aufweist, und ein Opfer, das man besser kennenlernt und um dessen Schicksal man fürchtet, hätte der Geschichte gut getan. A. Pendergast ist dieser Protagonist, er gibt aber zu viel Handlung an die Kuratorin und an die Polizistin ab, die beide dennoch eindimensional und farblos bleiben. Natürlich nimmt A. Pendergast im Höhepunkt das Heft in die Hand, aber das ist nicht genug, um die Handlung aus seiner Perspektive tier genug mitfühlen zu können.

Besonders das Ende der Geschichte, das zuvor auf einen klassischen existentiellen Bruderkampf hinauszulaufen scheint, wird aus Sicht des Protagonisten verschenkt, er wird zum Zuschauer und bekommt außer schemenhaften Eindrücken von der Kampfszene nichts mit. Der Leser leider auch nicht, da diese Szene aus seiner Sicht geschildert wird, obwohl nur sein Mündel und der Antagonist aktiv beteiligt sind. Plötzlich ist der Antagonist weg. Verschwunden im Vulkan, den man in der Szene leider auch nicht en détail zu sehen bekommt. Ein potenziell großartiges Bild wird vergeben, man stelle sich vor, dass der Protagonist seinen eigenen Bruder in den Vulkan stürzen muss, um sein Mündel zu retten. Er wäre zugleich Sieger und Verlierer gewesen, ein tragischer Held, der dadurch an Format und Identifikationspotenzial für den Leser gewonnen hätte. Die Szene hätte sich uns unauslöschlich eingebrannt. Angesichts der Professionalität und ‚Bilderfreundlichkeit’ der Autoren bleibt das Ende für mich unverständlich. Wenn der Antagonist in einem evtl. angedachten 4. Teil der Serie wieder auftauchen soll – na gut, aber das hätte man befriedigender lösen können.

Das Problem der mangelnden Figurentiefe haben viele Thriller, nur hier wäre es nicht nötig gewesen. Eine interessante Nebenfigur, aus der man mehr hätte machen können, ist z B das Mündel von A. Pendergast, das vom Antagonisten sehr elegant verführt wird und das ganz zum Schluss der Geschichte die dominierende protagonistische Figur wird. Sie ist seltsam, geheimnisvoll und spielt, obwohl sie einen geringen quantitativen Anteil an der Geschichte hat, qualitativ in der Liga der beiden Pendergasts. Da Maniac der dritte Titel einer Serie ist, haben die Autoren offenbar eine bessere Vertrautheit der Leser mit den Figuren vorausgesetzt. Meine Kritik bezieht sich auf die Stand-alone – Sicht von Maniac. Die Teile 1 und 2 vorausgesetzt, verändert sich der Eindruck ggf..

Sprache/Duktus:
Die Sprache ist, so weit man dies bei einer Übersetzung beurteilen kann, bildhaft, kraftvoll und für einen Thriller mindestens angemessen. Etwas zu klischéehaft sind eine Reihe von Methapern geraten. ‚Blut in den Adern gefrieren’ etc. kann man eleganter lösen, aber des Lesers Kopfkino wird insgesamt sehr effektiv bedient. Insbesondere die sprachliche Umsetzung des Museums-Settings ist herausragend.

Fazit:
Die Schwäche, die das Buch allerdings mit vielen Serien-Thrillern gemein hat, ist, dass der Roman zwar inhaltlich besticht, dass die Schreibtechnik dahinter allerdings vorhersehbar bleibt. Plotaufbau, Perspektiven, Kapitelübergänge, etwas klischéehafte Figuren und Metaphern – die Formalia des Schreibens sind für meinen Geschmack sehr professionell, aber eine Idee zu schematisch umgesetzt. Vieles wirkt drehbuchartig durchkonzipiert. Im Hinblick auf die Anforderungen mancher Verlagslektoren für Spannungsliteratur, ist der Roman ‚checklistenfreundlich’. Die Punktzahl, die dabei herauskommt ist sehr hoch, aber etwas mehr Individualität hätte ich mir angesichts des Potenzials, das Setting und Handlung bieten, gewünscht. Hinsichtlich des wichtigsten Ziels eines Thrillerautoren, fesselndes Kopfkino zu erzeugen, reüssiert das Autorenduo durch authentische Settings und eine bildhafte sprachliche Umsetzung der abwechslungsreichen und durchweg spannenden Handlung uneingeschränkt.

Subjektive Bewertung:
Wer spannend und inhaltlich originell unterhalten werden möchte und kenntnisreich beschriebene Settings liebt, dem sei Maniac uneingeschränkt empfohlen. Für diejenigen Leser, die sprachliche Orginalität und Virtuosität höher bewerten und mehrdimensionale und tiefe Charaktere auch in einem Thriller erwarten, gibt es bessere Lösungen.

3-4 von max. 5 Punkten.

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