Mittwoch, 20. Juni 2012

Rezension – ‚Bloodland’ von Alan Glynn (engl. Kindle Ed., € 6,24)


Bildquelle: Amazon.de / faber and faber
 Genre:
Politthriller.

Umfang:
Ca. 382 Seiten (Print).

Serie:
Einzelne Charaktere der Story kommen auch in anderen Romanen Glynns vor (z. B. im Vorgänger Winterland).

Inhalt:
Jimmy Gilroy, ein junger irischer Journalist, der in der Finanzkrise seinen Job verloren hat, versucht sich mit einer Biographie über ein drei Jahre zuvor bei einem mysteriösen Hubschrauberabsturz zu Tode gekommenes Starlet über Wasser zu halten. Als er von einem befreundeten PR-Manager im Auftrag eines Mandanten gebeten wird, die Finger von der Story zu lassen, wird er misstrauisch und stellt eigene Nachforschungen an. Während eines Interviews mit dem ehemaligen irischen Staatschef erhält er den Tipp, dass nicht das Starlet, sondern ein ebenfalls beim Absturz umgekommener UN-Mitarbeiter, das Ziel des vermeintlichen Anschlags war. Er hatte während einer Konferenz erfahren, dass ein internationaler Rohstoffkonzern im Congo von einem Rebellenführer die Lizenz für den Abbau eines seltenen und für den Bau von neuartigen Waffensystemen wichtigen Metalls gekauft hat. Der Konzern verfügt über eine eigene Söldnertruppe, die nicht nur den UN-Mitarbeiter, sondern auch den irischen Ex-Premier und weitere Personen liquidiert, die seinen Geschäften gefährlich werden können. Für den Konzernchef steht nicht nur das Congo-Geschäft auf dem Spiel, sondern auch die US-Präsidentschaftskandidatur seines Bruders, der in den Congo-Deal involviert war und dessen Cover-Story aufzufliegen droht. Der Konzernchef und seine politischen Strippenzieher unternehmen alles, um den jungen Journalisten zum Schweigen zu bringen.

Bloodland bewegt sich in einem ähnlichen inhaltlichen Fahrwasser wie sein Vorgänger Winterland und der von Hollywood verfilmte Folgeroman Limitless. Das Buch beleuchtet die Verstrickung von Wirtschaft und Politik und ihre zunehmende Loslösung von gesellschaftlichen Normen und moralischen Grundsätzen. 

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven der wichtigsten Figuren. Da sehr viele Figuren mit etwa gleichen Anteilen abgedeckt werden, geht zumindest in der ersten Hälfte der Geschichte der persönliche Touch und die Projektionsfläche für den Leser, die ein starker Protagonist in eine Handlung einbringt, verloren.

Erzählzeit:
Gegenwart. Hierdurch wirkt die Handlung spontan und der Leser fühlt sich jederzeit involviert.

Setting:
U. a. London, New York, Dem. Rep. Congo, Italien. Das Setting hat eine untergeordnete Bedeutung für den Plot. Gerade dem Congo hätte man allerdings im Hinblick auf die Bevölkerung, auf die Bedeutung der Kriegsherren und den Einfluss von Rohstoffkonzernen mehr abgewinnen können. Im Vgl. zu The Constant Gardener von Le Carré wirkt das afrikanische Setting oberflächlich. Der Einfluss der Chinesen als aktuelle polit. Entwicklung wird zwar mehrfach angesprochen, aber nur beiläufig als zusätzlicher Wettbewerbsfaktor. Lokalkolorit kommt nicht auf.

Struktur und Spannungsbogen:
Das von Glynn verwendete Grundmodell ‚Underdog kämpft gegen weitaus überlegende Gegner’ ist bei Politthrillern ein Standart, um Spannung zu erzeugen und dem Leser, der sich naturgemäß mit dem ‚David’ identifiziert, das notwendige Grauen abzuringen.

Die Story stellt zu Anfang eine ganze Reihe von Ereignissen und Charakteren nebeneinander, deren Verknüpfung sich erst spät erschließt. Die erste Szene verspricht Action, indem ein vermuteter Überfall auf einen Konvoi beschrieben wird. Danach verliert der Plot abrupt an Fahrt und gleitet ins Beschreibende ab. Der Autor beleuchtet intensiv das Innenleben seiner Figuren, allerdings nicht durch aktive (sichtbare) Handlung, sondern durch den intensiven Gebrauch der indirekten Rede, durch Deskription und ausgiebige Selbstgespräche. Auch Dialoge zwischen Personen werden an vielen Stellen nur passiv aus der Sicht der jeweiligen Perspektive wiedergegeben. Das nimmt zu viel Fahrt aus der Geschichte. Man hat den Eindruck, dass der Autor sehr viele Informationen zu den zahlreichen Handlungssträngen abladen möchte und das geht durch Aufzählen natürlich schneller, als wenn man die Informationen in Handlungen oder Dialogen verkleiden muss. Das ist ohne Zweifel ökonomisch, aber nicht mitreißend. Der Leser fühlt sich eher als Beobachter, denn als Teilnehmer der Story.

Etwa nach gut der Hälfte der Story ändert sich dieses Schema. Die inhaltlichen Zaunpfähle sind jetzt gesetzt, der Autor wirkt geradezu erleichtert und der Roman wird deutlich handlungsorientierter. Auch der Erzählanteil des Protagonisten (idR die Identifikationsfigur des Lesers) steigt deutlich an. Der Höhepunkt ist schließlich ausgesprochen spannend und aktionsgetrieben und entschädigt für die zuvor abgeforderte Geduld. Dass eine zuvor kaum eingeführte Figur das Finale entscheidet, erinnert etwas an das dramaturgische ‚Deus ex machina’ – Verfahren der griechischen Antike. Der Spannung tut der Griff in die Trickkiste an dieser Stelle keinen Abbruch, auch wenn man mit einer eingeführten Figur als Leser natürlich mehr mitleidet.

Charaktere:
Plus: Die Ausgestaltung der Figuren ist neben dem sehr interessanten und aufwendig konstruierten Thema die Stärke des Romans. Jede Figur wirkt authentisch und jederzeit möglich. Die Seelen- und Motivationslage der Player ist detailreich und glaubhaft. Alle Figuren der Story sind echte Originale, die in der Erinnerung des Lesers ihren Platz finden.

Minus: Zu viele Figuren stehen gleichwertig nebeneinander. Erst ab der Hälfte der Story übernimmt der Protagonist auch quantitativ die Regie und der Leser kann sich besser in den Plot hineinversetzen.

Sprache/Duktus: (bezieht sich auf die engl. Originalausgabe)
Glynns Stärke ist es, die Seelenlage seiner Figuren pointiert sprachlich auszuleuchten zu können. Hierfür auch innere Monologe zu verwenden und Dialoge z T indirekt (durch den Erzählenden reflektiert) wiederzugeben, ist vertretbar. M. E. hat der Autor mit den vielen passiven Sprachkonstruktionen jedoch zu viel Geschwindigkeit aus dem Plot genommen. Mehr direkte Handlung hätte der ersten Hälfte des Romans gut getan. Es wird versucht, zu viele Informationen in den Text hineinzupressen. Nachdem die inhaltliche Basis der zugegebenermaßen komplexen Story gesetzt ist, wird auch die Sprache flotter, handlungsorientierter, mitreißender. Der Autor versteht es insbesondere im letzten Drittel, wenn die Story auf den Höhepunkt zustrebt, die Handlung auch sprachlich schnell zu machen. Die Sätze werden kürzer, die Figuren handeln mehr, als dass sie sinnieren – kurzum Handlung und Sprache sind kongruent, sie pushen einander und reißen den Leser in thrillertypischer Atemlosigkeit mit.

Dass Glynns Sprache deutlich komplexer ist, als jene seiner amerikanischen Genre-Konkurrenten, passt insgesamt gut zur Hintersinnigkeit der aufwendig konstruierten Story.

Fazit:
Langsamer Start – spannendes Finale. Geduldige Leser, die detailreiche Stimmungsbeobachtungen ‚Action from the Start’ vorziehen, werden belohnt.

Subjektive Bewertung:
3 Sterne (von max. 5)

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