Donnerstag, 7. Juni 2012

Rezension – DAEMON von Daniel Suarez (€ 9,99, auch als Kindle-Version erhältlich)


Bildquelle: Amazon.de / rowohlt
 Genre:
Cyber-Thriller

Serie:
ja (Darknet ist der Folgeroman)

Inhalt:
Mathew Sobol, ein erfolgreicher Erfinder von Multiplayer-Computerspielen, hat einen Daemon (ein im Hintergrund laufendes Programm) entwickelt, der nach seinem Tod vernetzte Computer infiziert und die Kontrolle über die Systeme und die Menschen, die sie bedienen, übernimmt. Daemon ist lernfähig (Künstliche Intelligenz) und nutzt seinen Zugang zu den im Netz abgelegten Informationen der Nutzer, um sie zu erpressen, zu manipulieren und auf die Ziele seines Erfinders einzuschwören. Dabei verwendet er die für jedermann zugänglichen Online-Spiele, um die für seine Zwecke besonders geeigneten Menschen zu identifizieren und als Handlanger für seine Zwecke einzuspannen. Daemon betrachtet die Welt als großes Computerspiel. Er agiert dabei ausschließlich nach Logikkriterien, nutzt jedoch die messbaren emotionalen Regungen der Menschen, um ihre Handlungen vorherzusagen und zu beeinflussen. Menschenleben haben für ihn nur insofern einen Zweck, als sie für ihn und seine Sache zweckdienlich sind. Die Handlanger werden ähnlich wie Sektenmitglieder durch finanzielle Zuwendungen, Schutz und Aufstiegsmöglichkeiten in der Hierarchie belohnt. Durch spezielle Brillen, wie man sie bspw. von Special Forces Soldaten heutzutage kennt, werden die Handlanger mit dem Daemon und untereinander vernetzt. Die Infiltration der Gesellschaft erfolgt parallel durch das Software-Programm und die realen Menschen, die dem Daemon dienen.

Vertreter der Polizei und diverser Nachrichtendienste sowie ein mit Computerspielen besonders vertrauter IT-Experte versuchen, den Daemon und seine wachsende Anhängerschar zu stoppen.

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven zahlreicher handelnder Figuren. Der Wechsel erfolgt  z T auch abschnittsweise innerhalb von Kapiteln und nimmt dadurch zeitweise nahezu auktoriale Züge an. Eine Reduktion der mit einer eigenen Perspektive ausgestatteten Figuren und eine deutlichere Abgrenzung der Perspektivwechsel würde dem Leser die Identifikation mit den Charakteren erleichtern.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Struktur und Spannungsbogen:
Das Grundprinzip der Story entspricht derjenigen der James Bond Thriller. Jemand versucht die Weltherrschaft zu erobern, andere versuchen dies zu verhindern. Der Hauptunterschied: es gibt zwar einen zentralen Antagonisten (M. Sobol rsp. das ihn nach seinem Tod repräsentierende Programm), aber es gibt keinen herausragenden Protagonisten, sondern eine ganze Reihe gleichberechtigter Figuren.

Die Story startet nicht mit einem Big Bang als auslösendem Ereignis, sondern mit einem scheinbar konventionellen Todesfall, der den ermittelnden Polizisten und das hinzugerufene FBI zu Mathew Sobols Softwareunternehmen führt. Dort wird nach einem weiteren Todesfall schnell klar, dass der Auslöser über das Netz gekommen sein muss.

Während die Ermittler dem Daemon näherkommen, gewinnt dieser über das Online-Spiel, aus dem er entstanden ist, seine menschlichen Unterstützer, die er zusammen mit seinen elektronischen Mitteln gegen seine Gegner in die Schlacht führt.

Neben den klassischen Mittel der Spannungserzeugung (Hochschaukeln der Spannung bis zum Höhepunkt: der Daemon stellt immer größere Herausforderungen an die Ermittler, scheinbare Problemlösungen und falsche Verdächtige multiplizieren die Herausforderung) webt der Autor geschickt die latente Angst der Leser davor ein, dass in der modernen Hightech-Gesellschaft jeder mit einer Vielzahl von persönlichen Informationen und Prozessen im Internet und seinen Ablegern vertreten ist, die ihn verwundbar machen, wenn die Sicherheitsmechanismen überwunden werden.

Das Buch ist von der Anlage her eine Mischung aus einem James Bond Roman in der Hightech–Version und George Orwells 1984. Es gibt weit mehr reale Action, als man bei dieser Art Roman vermuten sollte, und das Zusammenwachsen von Spiel und Realität sowie die unterbewusste Ahnung der meisten Computernutzer, dass ihre Aktivitäten im Netz jederzeit als Bumerang in Form von Identitätsdiebstahl und anderen Nettigkeiten auf sie zurückfallen können, ergeben eine spannende Mischung.

Charaktere:
Mathew Sobol als Antagonist erhält vor allem indirekt, also durch das Daemon-Programm und das Computerspiel, auf dem es basiert, ein Gesicht. Trotz der starken technischen Komponente, besitzt die Figur ein hohes Spannungspotential, das geschickt ausgeschöpft wird. Leider hat er keinen gleichwertigen Gegenspieler, obwohl einige der Figuren (der Polizist, der IT-Experte und die Geheimdienst-Ermittlerin) hierfür die nötigen Grundlagen hätten. Ein starker Protagonist mit einem nachvollziehbaren Wertewandel hätte der Geschichte gut getan. So bleiben die Figuren relativ flach und bieten für den Leser nur ein begrenztes Empathiepotential.

Sprache/Duktus:
Die Sprache ist relativ einfach und sachlich, aber auch nicht platt oder reißerisch. Man merkt, dass der Autor nicht aus der literarischen, sondern aus der technischen Ecke kommt. Sprachliche Höhenflüge und ausgefallene Metaphern sucht man vergeblich. Aufgrund der Anlage des Romans und der besonderen Bedeutung technischer Aspekte für den Plot, ist dieses Manko allerdings vertretbar. Die Story bleibt trotzdem spannend und das Kopfkino kommt insbesondere bei der Schilderung der Spielsituationen und bei den erstaunlich guten Actionszenen auf seine Kosten. Die technischen Aspekte werden realitätsnah, mit großem Expertenwissen und trotzdem auch für mäßig versierte IT-Nutzer verständlich beschrieben.

Fazit:
Ein interessanter Cyber-Thriller, der vor allem von der guten Grundidee (ein bereits Verstorbener strebt die Weltherrschaft an) und von der großen technischen Kompetenz des Autors profitiert. Die Story wirkt zwar auf den ersten Blick fiktional sehr abgehoben, und dass Maschinen die Weltherrschaft übernehmen wollen, ist ein wohlbekanntes Sujet, aber die Umsetzung ist auf der Höhe der Zeit und in vielen Aspekten bedrohlich realistisch. Mit den technischen Äquivalenten unserer Sinne und des emotionalen Ausdrucks gräbt uns der Daemon auch den letzten Rest dessen ab, was uns als Individuen ausmacht und was uns in unserem Selbstverständnis über die „Maschine“ erhebt. Und das ist intelligent und spannend gemacht und regt zum Nachdenken an. Das Ende ist vergleichsweise offen gestaltet und lässt Raum für einen Folgeroman.

Defizite hat der Roman bei der Figurenentwicklung und bei der sprachlichen Umsetzung der Bildhaftigkeit und der Emotionalität. Sie bleiben jedoch im Hinblick auf das Genre im vertretbaren Rahmen. Da Daemon der erste (und ursprünglich sogar im Eigenverlag veröffentlichte) Roman des Autors ist, gehe ich davon aus, dass die nächsten Bücher (Darknet ist der bereits erschienene Folgeroman) auch diesbezüglich gereift sind. Das Potential dafür hat Daniel Suarez ohne Zweifel.

Ein empfehlenswertes Buch für Leser mit einer gewissen Technikaffinität. Für die Gamer Community ist der Roman ein Muss.


Nice to know:
Ein Daemon ist in der Computersprache nicht zu verwechseln mit dem Demon (Satan). Es handelt sich lediglich um die Bezeichnung für ein im Hintergrund laufendes Software-Programm. Historisch gesehen ist der Daemon jedoch die alte Form des Demon, aber mit einer ebenfalls anderen Bedeutung. In der Antike verstand man darunter eine Art Schutzengel. Plato führt den Daemon als das moralische Gewissen ein. Die Doppeldeutigkeit macht gerade in der letzten Szene des Romans Sinn. Ob dies von Suarez beabsichtigt war, weiß ich jedoch nicht.

Subjektive Bewertung:
3 Sterne (von max. 5)

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