Sonntag, 10. Juni 2012

Rezension – Der Kollektor von John Connolly (Originaltitel ‚The Unquiet’, € 9,95; Kindle-Edition engl., € 5,99)


Bildquelle: Amazon.de / Ullstein 
Genre:
(Mystery-) Thriller

Umfang:
ca. 470 Seiten (Print)

Serie:
ja (Charlie Parker)

Inhalt:
Der Privatdetektiv Charlie Parker wird von Rebecca Clay beauftragt, sie vor einem mysteriösen Fremden zu schützen, der sie mit Fragen nach ihrem Vater belästigt. Der Fremde stellt sich als ein ehemaliger Berufskiller heraus, der auf der Suche nach seiner Tochter ist, die vor Jahren spurlos verschwand, während er selbst im Knast saß. Daniel Clay, Rebeccas Vater, hatte das Mädchen als Kinderpsychologe betreut, kurz bevor er selbst als verschollen gemeldet und Jahre später vom Gericht für tot erklärt wurde. Da seine Leiche niemals gefunden wurde, existieren zahlreiche Gerüchte über das Schicksal des Psychologen, der ein Experte für die Behandlung sexuell missbrauchter Kinder war. Bei seinen Ermittlungen stößt Charlie Parker auf ein Netzwerk von Päderasten, die offenbar von einer einsamen Waldsiedlung aus operieren, in deren Nähe auch der Wagen von Daniel Clay gefunden wurde. Der Detektiv beschließt, vor Ort Ermittlungen anzustellen, doch nicht nur er und der besorgte Vater des verschwundenen Mädchens sind den Päderasten auf der Spur, sondern auch ein unheimlicher Fremder mit besten Verbindungen ins Reich der Toten. 

Perspektive:
Mit wenigen Ausnahmen Ich-Erzähler (Charlie Parker). Der Leser dringt durch die Ich-Perspektive tief in die Wahrnehmungswelt des Protagonisten ein, die für den Fortgang der Story von entscheidender Bedeutung ist. Die wenigen Perspektivwechsel wirken eher verwirrend. Das gilt insbesondere für das 1. Kapitel, in dem eine Figur (ein Schausteller) eingeführt wird, die für den Plot nahezu bedeutungslos ist. Leider, denn die Figur ist interessant angelegt und macht Appetit auf mehr.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Portland und das dünn besiedelte Hinterland von Maine bilden die Kulisse für die Story. Insbesondere die einsamen Wälder mit ihren hinterwäldlerischen Bewohnern unterstützen in idealer Weise die zunehmend mystische Stimmung des Romans.

Struktur und Spannungsbogen:
Das Thema Kindesmissbrauch hält für die meisten Leser auch ohne das fiktionale Gewand schon mehr als genug Horror-Elemente bereit. Connolly verarbeit das Thema jedoch nicht reißerisch. Er fokussiert sich nicht auf die ekelbeladene Missbrauchssituation und das Abarbeiten der gängigen Täterklischees. Die Täter sind zwar die Zielobjekte der Handlung, aber Connolly stellt die Opfer und die Auswirkung des Missbrauchs auf ihren Lebensweg in den Mittelpunkt. Auf Effekthascherei und Plattitüden wird dabei weitgehend verzichtet. Man merkt, dass sich der Autor dezidiert und unter fachlicher Anleitung mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Er zeigt neue Facetten des Themas auf und flechtet sie geschickt in die Story ein. Kein Vergleich mit der banalen Schwarz-Weiß – Logik der Schablonendenker aus den TV-Redaktionen, die Voyeurismus mit Spannung verwechseln und Klischeebefriedigung zum Credo für ihre Drehbuchautoren machen.

Im vorliegenden Roman entsteht Spannung weniger aus der Frage, ob das Mädchen noch rechtzeitig vor seinen Peinigern gerettet werden kann – ein Aspekt, den Tatort-Autoren bis zum Erbrechen ausgewalzt hätten. Die Rettung des Opfers tritt in den Hintergrund. Sie erscheint ohnehin unmöglich, weil dem Leser die Spätfolgen des Missbrauchs jederzeit bildhaft präsent sind. Den Protagonisten und damit auch den Leser treibt vielmehr die Frage um, wie das Geflecht von Suche, Rache, Schuld und Leid mit der immer mehr durchscheinenden mystischen Schicht der Geschichte hinter der offensichtlichen Wahrnehmungswelt zusammenhängt. Überhaupt ist das Thema Wahrnehmung ein Leitmotiv, das sich durch den gesamten Plot zieht.

Auffallend im Vergleich zu typischen Genrevertretern ist der langsame Spannungsaufbau der Story. Es gibt keinen ‚Big Bang’, der den Leser in den Plot hineinreißt. Das ist angesichts tradierter Lesegewohnheiten der Thriller-Kundschaft nicht ohne Risiko. Da es sich jedoch um eine bereits eingeführte Serie handelt, wissen Connolly-Liebhaber vermutlich, was sie erwartet.

Charaktere:
Charlie Parker wird als der allgegenwärtige Protagonist auch in seiner psychischen Wahrnehmungswelt detailliert ausgeleuchtet. Der Charakter bietet dem Leser ein hohes Identifikationspotential, er ist entscheidungsstark und treibt die Story kraftvoll voran. Natürlich hat er, wie im Genre mittlerweile üblich, die entsprechenden Macken und Risse in seiner Biographie. Die Trennungsquote unserer Romandetektive dürfte diejenige ihrer Entsprechungen in der Realwelt (Polizisten, Detektive etc.) mittlerweile sogar noch übertreffen. Diese Schwächen geben dem Protagonisten zwar ein größeres Empathiepotential und das notwendige Quentchen ‚menschliche Anmutung’, aber so langsam bekommen dieses Schema und seine auch in diesem Fall vollkommen einfallslose Umsetzung etwas Lächerliches. Ich kann es einfach nicht mehr lesen. Punkt. Auch hätte dem Helden m. E. etwas weniger Heldenhaftigkeit und ein Quentchen mehr Privatleben gut getan.

Dass sein muskulöser Helfer Louis sowohl schwarz als auch schwul ist und als Sahnehäubchen auch noch einen weißen Lover hat, ist zwar der Gipfel der Political Correctness, aber es geht in einem Roman nunmal darum, originelle und trotzdem glaubwürdige Figuren zu kreieren – und kein Wahlkampfteam für die US-Demokraten.

Viel besser gelungen sind die dunklen Charaktere, allen voran Merrick, der animalische Killer und liebende Vater und der Kollektor, eine mystifizierte Figur, die an der Schwelle zwischen Ober- und Unterwelt zu agieren scheint. Man wird die Bilder und den Geruch der beiden nicht mehr los, auch lange nachdem man den Roman beendet hat. Der englische Originaltitel ‚The Unquiet’ trifft das mystische Feeling, das der Roman verbreitet, deutlich besser als ‚Der Kollektor’. Letzterer erinnert an einen gewöhnlichen Serienkiller, der sich anhand seiner Mitbringsel an seinen Taten aufgeilt. Eine solche Figur ist der diesseitige Jenseitige in dieser Story in keiner Weise.

Zentral für die Botschaft der Geschichte ist für mich jedoch eine andere, von den quantitativen Anteilen her viel unbedeutendere Figur. Es handelt sich um ein ehemaliges Missbrauchsopfer, das eben dieses Adjektiv aushebelt. Ein Kindesmissbrauch ist nie ehemalig, sondern (für das Opfer) immer gegenwärtig, egal wie viel Zeit vergangen ist. Andy Kellog ist ein Missbrauchsopfer, dessen asozial-aggressives Verhalten im Gefängnis in den Kontext dessen gesetzt wird, was ihm widerfahren ist. Ein unverschuldetes Kindheitserlebnis führte zu seinem sozial abweichenden Verhalten, dieses zu einer endlosen Gefängniszeit, die wiederum seine Behandlung verhinderte, wodurch sein Verhalten noch unberechenbarer wurde usw. usw.. Andy wird zum Opfer seiner Peiniger, zum Opfer der anderen Gefängnisinsassen, der Wärter und des Systems, das letztendlich das Werk der Päderasten mit bürokratischem Gleichmut vollendet. Connolly gelingt es meisterhaft, das Bild seiner Tragödie in einer einzigen Schlüsselszene in das Gedächtnis der Leser zu brennen. Man fragt sich unwillkürlich, wie viele der scheinbar arbeitsscheuen Obdachlosen und psychisch Gestörten, denen man in jeder Großstadt zu jeder Tages- und Nachtzeit begegnet, eine ähnliche Geschichte haben und wo man selbst geendet wäre, wenn ...

Sprache/Duktus:
Connolly verwendet eine äußerst bildreiche Sprache, die das mystische Grundthema der Story gut transportiert. Das Kopfkino des Lesers wird hervorragend unterstützt. Man liest bei Connolly in Bildern, nicht in Worten. Das sprachliche Niveau (der dt. Übersetzung) und der Detailreichtum der Beschreibungen sind für das Genre und insbesondere für eine Serie überdurchschnittlich. Mein einziger Kritikpunkt: Connolly übertreibt es mit der Anzahl der von ihm herangezogenen Metaphern etwas. Wenn man alle paar Zeilen ein neues Bild bemüht und mit stoischer Regelmäßigkeit ein Wie an das nächste reiht, dann gehen die wirklich für den Plot wichtigen Bilder unter. Ingesamt jedoch ist die sprachliche Ausgestaltung eine Stärke des Romans.

Fazit:
Der Kollektor ist ein Thriller mit einem leicht mystischen Touch, dessen Spannungselement stark von der düsteren Grundstimmung und den pointierten Charakteren getragen wird. Die Stärke des Buches liegt in der sprachlichen Umsetzung des Themas. Abzüge gibt es für die Ausgestaltung der positiven Charaktere, deren Tiefe nicht mit derjenigen ihrer dunklen Vettern mithalten kann. Störend ist das Dauerfeuer der Metaphern, das die wirklich wertvollen Bilder überlagert.

Stärkste Szene:
Das Interview mit dem Missbrauchsopfer Andy Kellog im Gefängnis.

Subjektive Bewertung:
3 Sterne (von max. 5)

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