Montag, 11. Juni 2012

Rezension – Der langsame Tod der Luciana B. von Guillermo Martinez (Originaltitel ‚La muerte lenta de Luciana B.’, € 9,95.-)


Bildquelle: Amazon.de / Fischer
Genre:
Krimi / Psychodrama / Parabel.
Der Roman lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Es geht zwar auch um die Frage, ob eine Reihe von Todesfällen Mordanschläge eines Verdächtigen waren, aber dieser Aspekt ist nur der Anlass für den Autor, um sich mit existentiellen Fragestellungen auseinanderzusetzen, die sich im Spannungsfeld von Realität und Fiktion, Zufall und Vorbestimmung bewegen.

Umfang:
Ca. 200 Seiten (Print).

Serie:
Nein.

Inhalt:
Die hübsche Studentin Luciana B. verdient sich als Schreibkraft für den berühmten Krimiautor Koster etwas dazu. Als Koster ihr gegenüber zudringlich wird, lässt sie sich von ihrer Anwältin dazu überreden, den Schriftsteller anzuzeigen und zerstört damit unbeabsichtigt seine Familie. Als immer mehr Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld auf unnatürliche Weise zu Tode kommen, macht Luciana Koster hierfür verantwortlich. Sie ist davon überzeugt, dass der Autor einen Racheplan verfolgt und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch sie selbst und ihre jüngere Schwester Koster zum Opfer fallen. Da niemand ihren Vorwürfen Glauben schenken will, wendet sie sich in ihrer Not an einen anderen Schriftsteller, für den sie zehn Jahre zuvor ebenfalls gearbeitet hatte. Der junge Autor, der einst selbst in Luciana verliebt und auf Koster eifersüchtig war, hält Luciana zunächst für neurotisch. Als sich die seltsamen Todesfälle jedoch häufen, gerät seine Überzeugung, dass es sich lediglich um eine zufällige Verkettung von Ereignissen handelt, ins Wanken und er stellt Koster zur Rede. Koster streitet jede unmittelbare Beteiligung an den Todesfällen ab und wartet mit einer zutiefst verstörenden Erklärung auf. 

Perspektive:
Ich-Erzähler (der von Luciana herangezogene junge Autor).

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Hauptsächlich Buenos Aires.

Struktur und Spannungsbogen:
Man sollte nicht über das schreiben, was war, sondern über das, was gewesen sein könnte.“
Dieses Zitat aus dem Roman formuliert präzise das Leitmotiv, an dem sich die Erwartung des Lesers ausrichtet. Der namenlose Ich-Erzähler bietet dem Leser die perfekte (weiße) Projektionsfläche, um seine wachsende Unsicherheit mit zu erleiden. Aus anfänglicher Ablehnung gegenüber den Vorwürfen von Luciana und ihren vehement vorgetragenen Ansprüchen an seine Unterstützung wird zunächst Sorge um Lucianas psychische Gesundheit, dann ein vager Zweifel , ein Verdacht, den Koster geschickt zerstreut, bis Kosters manipulative Art schließlich zur Konfrontation führt.

Die Motive für die Unsicherheit des Autors sind vielfältig. Einige werden offen eingestanden, wie der Neid auf den berühmten Kollegen, andere werden subtil angedeutet. Die Leidenschaft Kosters für Luciana B. entwickelte sich nahezu parallel zu jener des Ich-Erzählers, bis hin zu den männlich überinterpretierten möglichen sexuellen Signalen des jungen Mädchens. Jede Anschuldigung Lucianas an Koster ist damit zugleich eine Anschuldigung an den Ich-Erzähler, was seine Objektivität im Hinblick auf die Vorwürfe in Frage stellt. Hinzu kommt, dass Luciana all ihre optischen Reize mittlerweile verloren hat. Die erotische Komponente der Motivation fällt damit auch weg. Und auch die rationale Grundeinstellung des Ich-Erzählers steht der Identifikation mit der neurotischen Luciana B. gegenüber, die jede Tatsache in ihre konstruierte Wirklichkeit einordnet, wie ein Puzzleteil in ein ex ante unverrückbar vorgegebenes Bild. Der Leser folgt dem Ich-Erzähler mit äußerster Skepsis gegenüber Luciana B. in die Geschichte.

Je intensiver sich der Ich-Erzähler mit dem Fall und dem möglichen Täter beschäftigt, desto mehr gerät sein rationales Selbstbild ins Wanken. Wie viel Zufall ist mathematisch denkbar? Welche Bedeutung hat demgegenüber das Mögliche? Wie beeinflusst uns die Möglichkeit in unserer Wahrnehmung der Realität? Gibt es so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit im biblischen und im mathematischen Sinn? Koster eröffnet mit eingestreuten philosophischen Betrachtungen immer neue Perspektiven auf das Mögliche, die den Ich-Erzähler immer orientierungsloser zurücklassen, je mehr Hinweise zur Orientierung er bekommt. Aber auch die intellektuelle Überlegenheit Kosters, der seine Umgebung nach Belieben zu lenken scheint, bekommt Risse, als deutlich wird, dass sein Handeln mehr und mehr von der in seinem literarischen Lebenswerk selbst geschaffenen Fiktion bestimmt wird, die er schließlich als schicksalsgebend akzeptiert.

Auch wenn die Frage der Schuld Kosters an den Sterbefällen den Leser bis zum Schluss in Atem hält, wirkt der Wunsch nach Orientierung in der zunehmenden Orientierungslosigkeit des Ich-Erzählers nicht weniger stark.

Die Handlungsarme des Romans sind ausgereift und gut durchkomponiert. Alle Set-ups, die der Autor setzt, werden aufgenommen und sinnvoll ausgeführt.

Defizite hat der Roman m. E. im Bereich der klassischen Spannungselemente. Die Verzweiflung von Luciana und auf seine Weise auch jene von Koster hätte man in einem zentralen Höhepunkt besser zusammenführen können. Dass Luciana am Ende aus dem Fenster springt, ist zwar im Gesamtkontext der Story glaubhaft, diese Reaktion wirkt, da weder der Erzähler noch Koster unmittelbare Zeugen sind, jedoch seltsam losgelöst und sachlich. Auch hätte man zum Ende hin aus Kosters zunehmendem Determinismus mehr Reibung und damit Spannung für den Roman entwickeln können.

Charaktere:
Die Charaktere stehen für Typen und Sichtweisen, die der Autor benötigt, um philosphische Gegensätze darzustellen. Sie haben Werkzeugcharakter. Während ihre psychischen Befindlichkeiten mit großer Tiefenschärfe ausgeleuchtet werden, bleibt alles, was vom Kern der Geschichte ablenken würde, im Dunkeln. Selbst die Namen sind Platzhalter. Die kindlich emotionale Luciana hat keinen Nachnamen, der scheinbar abgeklärte (erwachsene) Koster hat keinen Vornamen und der zwischen den beiden hin und her schwankende Ich-Erzähler bleibt namenlos. Die Anlage der Charaktere erinnert in mancherlei Hinsicht an Figuren in Kafkas Parabeln oder in existenzialistischen Dramen.

Sprache/Duktus:
Die sprachliche Ausführung ist - wie bei vielen südamerikanischen Autoren – eine zentrale Stärke des Romans. Auch wenn der Klappentext den Leser marketingfreundlich in das umsatzstarke Thrillergewässer lockt, so wird anhand der textlichen Ausführung schnell klar, dass Martinez seinen Roman sprachlich deutlich feiner justiert, als konventionelle Genreautoren. Der Roman ist sprachlich unaufgeregt, dafür transportiert Martinez feinste psychische Befindlichkeiten. Dennoch übertreibt der Autor m. E. den passiven Erzählstil. Starke innere Hilflosigkeit, die ihren Ausdruck in miterlebbarer Handlung findet, hätte dem Roman gut getan. Die vielen Rückblenden verlangsamen zusätzlich Handlung und Sprachfluss.

Fazit:
Wir schwanken unsicher dem Höhepunkt entgegen, der uns statt in befriedigender religiöser Erleuchtung in aufgewühlter philosophischer See zurücklässt. Freunde von Action-Thrillern werden den ‚Krimi’ enttäuscht aus der Hand legen. Wer sich für sprachliche und philosophische Zwischentöne erwärmen kann, wird gut, wenn auch unaufgeregt unterhalten.

Subjektive Bewertung:
4 Sterne (von max. 5)

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