Montag, 25. Juni 2012

Rezension – ‚Kälteschlaf’ von Arnaldur Indriðason (€8,99.-)

Bildquelle: Amazon.de / Bastei Lübbe
 Genre:
(Island-)Krimi

Umfang:
Ca. 380 Seiten (Print)

Inhalt:
Als in einem Ferienhaus die an einem Balken aufgehängte Leiche einer Frau gefunden wird, sieht für Kommissar Erlendur alles nach Selbstmord aus. Als dem Ermittler ein Tonband zugespielt wird, das darauf hinweist, dass die Frau kurz vor ihrem Tod eine Séance besucht hat, um mit ihren verstorbenen Eltern Kontakt aufzunehmen, bekommt der Fall eine neue Dimension. Erlendur glaubt weder an ein Leben nach dem Tod noch an die seherischen Fähigkeiten eines Medium, dennoch forscht er weiter nach und kommt einem möglichen Motiv für ein Tötungsdelikt auf die Spur. Die Methode, die seines Erachtens zum Einsatz gekommen ist, ist perfide und kaum nachzuweisen.

Parallel zu den Mordermittlungen beschäftigen den Ermittler die Fälle einer jungen Frau und eines Mannes, die vor vielen Jahren spurlos verschwunden sind. Erlendur war es seinerzeit nicht gelungen, den Verbleib der jungen Leute zu ermitteln. Erst als sich ein möglicher Zusammenhang der Fälle andeutet, gelingt dem Kommissar der entscheidende Durchbruch. 

Perspektive:
Überwiegend personale Perspektive des Ermitters. Einzelne Kapitel aus personaler Sicht weiterer beteiligter Figuren sowie Rückblenden aus Sicht der vermeintlichen Selbstmörderin Maria.

Einzelne Sätze weisen eine auktoriale Perspektive auf. Der Wechsel wirkt unbeabsichtigt (Bsp. S. 318 u.; Widergabe eines Telefonates aus personaler Persp. Erlendurs; „Also, dann braucht man das Ding ...“, antwortete der Mann und fuhr zusammen, als Erlendur genervt den Hörer aufknallte.“; Anm.: Das Zusammenfahren des Gesprächspartners am anderen Ende der Leitung kann Erlendur aus personaler Persp. nicht beobachtet haben.).

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Island. Die karge Landschaft und ihre mundfaulen Bewohner werden authentisch beschrieben. Für die meisten Leser von Island-Krimis macht der Glaube vieler Isländer an Märchen und mythologische Wesen einen großen Teil des Reizes dieser Literaturgattung aus. Beobachtungen, die bei uns absurd erscheinen würden oder als Fantasy qualifiziert würden, lassen sich in diesem Setting auch im Rahmen eines Krimis verwenden.

Struktur und Spannungsbogen:
Der Krimi startet sehr langsam und eröffnet parallel eine ganze Reihe von Side-Stories, deren Bedeutung sich erst spät erschließt. Bis etwa zur Hälfte des Buches gewinnt man den Eindruck, eine esoterisch angehauchte Erzählung ohne einen ‚echten’ Kriminalfall vor sich zu haben. Es kommt relativ wenig Spannung auf und die Befürchtung, mit einer Auflösung im paranormalen Bereich abgespeist zu werden, mag manch klassischen Krimileser verschrecken. Zugegeben, fast hätte ich das Buch nach 150 Seiten beiseite gelegt, aber ich bin froh, dass ich die Hürde der gepflegten Langeweile genommen habe. Freunde von Island-Krimis wissen um den sanften Start ihrer literarischen Helden und werden mit interessanten Auflösungen entlohnt. Die zweite Hälfte des Buches entschädigt dann mit Krimi-Feeling. Das Ende ist ‚noir’ und man sollte nicht erwarten, mit einer Schwarz-Weiß-Lösung à la Derrick abgespeist zu werden.

Ungewöhnlich sind die Sidestories der beiden Vermisstenfälle, die man als (traditioneller) Leser immer wieder in den Kontext des Hauptfalls zu stellen versucht. Auch hier ist die Auflösung ungewöhnlich und nicht krimitypisch.

Die Gesamtkonstruktion der Geschichte ist stimmig. Alles fällt schließlich an seinen Platz, auch wenn es nicht die Stelle ist, die man aus 08/15-Krimis gewöhnt ist.

Charaktere:
Der Protagonist Erlendur wird mit großer Tiefenwirkung beschrieben. Der Autor schafft dies nicht auf die platte deskriptive Art, die weniger talentierte Schreiber gerne nutzen, sondern indem er die familiären Spannungen der Figur auslotet. Zugegeben, auch das machen viele Autoren, aber die Art und Weise hat literarische Qualität. Die Dialoge mit seiner Tochter und eine exzellente Szene mit seiner Ex-Frau machen aus Erlendur eine zutiefst empathische Figur. Man fühlt mit, was er gerne würde und doch nicht kann. Seine Schuldgefühle machen die große persönliche Beteiligung Erlendurs an der Aufklärung auch der Side-Stories glaubhaft. Er ist ein ‚Lonely Wolf’, aber keiner jener selbstverliebten Exzentriker, die die Thrillerlandschaft inflationär bevölkern.

Sprache/Duktus:
Die Sprache ist nordisch unaufgeregt mit übersichtlichen Satzkonstruktionen und angenehm sparsamer Verwendung von Adverbien und Adjektiven. Gefühle und Stimmungen werden häufig über Dialoge transportiert. Überhaupt ist der Text sehr dialoglastig, aber ohne sprachlich überladen zu wirken. Die Dialoge sind passgenau und lassen den Mangel an klassischer Action und das Fehlen der üblichen Gruselschilderungen aus der Pathologie (die niemanden mehr gruseln) vergessen. Die Story bedarf einer gewissen Eingewöhnungszeit, aber es lohnt sich, durchzuhalten.

Fazit:
Kälteschlaf ist ein ungewöhnlicher Krimi, der auf viele klassische Elemente des Genres verzichtet. Wer sich für einen literarischen Krimi mit geschliffenen Dialogen, kluger Figurenzeichnung und struktureller Finesse erwärmen kann, sollte Kälteschlaf eine Chance geben. Leser, die Action erwarten und beim Lesen im Hintergrund die traditionelle Thriller-Checkliste abarbeiten, werden, so wie ich um ein Haar, das Buch enttäuscht aus der Hand legen.

Subjektive Bewertung:
3 Sterne (von max. 5); Zusammensetzung: 2 Sterne für die ersten 150 Seiten und 4 für den Rest. Freunde von Islandkrimis dürfen getrost noch einen Stern hinzurechnen.

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