Freitag, 1. Juni 2012

Rezension – „The Lost Witness“ (Leichengift, dt.) von Robert Ellis (Kindle Edition, engl.)

Bildquelle: Amazon.de
Genre:
Thriller


Umfang:
ca. 352 S. (Print Version)

Serie:
ja (Lena Gamble)

Inhalt:
Lena Gamble wird vom Polizei-Chief von Los Angeles mit einem Mordfall betraut, der in jeder Beziehung rätselhaft ist. Das Opfer, eine junge Frau, wurde offenbar von einem erfahrenen Chirurgen zerlegt und in einer Mülltonne deponiert. Ihre Identität klärt sich erst auf, als Lena annonym der Ausweis der Toten und ein USB-Stick mit einer unscharfen Aufnahme des Täters zugeschickt wird. Nicht nur die Unauffindbarkeit des Zeugen macht Lena zu schaffen. Im Laufe der Ermittlungen wird deutlich, dass der Polizeichef, sein Adjudant und der Bezirksstaatsanwalt Lenas Arbeit konsequent hintertreiben. Lena befürchtet, dass man sie ‚abschießen’ will, weil sie sich in einer früheren Ermittlung mit den Polizeioberen angelegt hat. Zusammen mit ihrem Partner ermittelt Lena, dass der milliardenschwere Vorstand eines Pharmaunternehmens und sein Sohn in den Fall verwickelt sind und ihre Vorgesetzten alles daran setzen, ihn zu schützen. Während sie intern behindert wird, räumt der Killer einen Zeugen nach dem anderen aus dem Weg, bis nur noch der letzte unauffindbare Zeuge den Schlüssel zur Lösung des Falles in Händen hält. Ihn aufzuspüren, wird zum Wettlauf mit der Zeit und seinen Verfolgern.

Ort der Handlung:
Los Angeles. Das Setting wird ausreichend tief beschrieben, um der Handlung den für das Kopfkino wichtigen Wahrnehmungsrahmen zu geben. Ungewöhnlich ist die Schilderung von LA im Winter. Das nimmt der Stadt zwar viel von ihrer Ausstrahlung und Spezifik im Vergleich zu anderen Handlungsorten. Das Klischée an dieser Stelle einmal nicht zu bedienen, empfinde ich allerdings als erfrischend. Die Bedeutung der Stadt und ihres politisierten Polizeiapparates wirkt authentisch, wenn auch nicht wirklich neu. Mich erinnert das Setting sehr an die Romane von Michael Connelly, die ich nahezu alle gelesen habe. Auch Lena Gamble könnte von ihrer Einstellung und ihren Konflikten her als männliche Version des Protagonisten der Connelly Serie (Harry Bosch) durchgehen. Da Connelly als weitaus bekannterer Autor Robert Ellis Bücher in der Presse überaus positiv bewertetet hat, kann man vielleicht wirklich von einer gewissen Vorbildfunktion ausgehen.

Perspektive:
Personale Persp., überwiegend aus der Sicht der Protagonistin, jedoch z T auch aus Sicht anderer handelnden Personen wie dem Killer.

Erzählzeit:
Vergangenheit

Struktur und Spannungsbogen:
„The Lost Witness“ (Der deutsche Titel „Leichengift“ wurde wie üblich sinnfrei gewählt) kombiniert Elemente des klassischen Whodunit Krimis mit Thriller-Elementen. Das ist für amerikanische Spannungsromane nicht ungewöhnlich, aber es bietet natürlich mehr dramaturgische Möglichkeiten als bei reinrassigen Vertretern der beiden Genres. Ellis nutzt dieses Potenzial umfassend und routiniert.

Ähnlich wie in seinen anderen Thrillern verwebt Ellis den aktuellen Fall der Protagonistin mit ihrer persönlichen Geschichte, in diesem Fall mit dem Mord an ihrem Bruder, der in einem vorherigen Roman der Serie thematisiert wird. Hierdurch erhält die Geschichte Empathie, man spürt, dass etwas an der Protagonistin nagt, das sie gleichzeitig antreibt und quält. Man hätte aus dieser psychologischen Konstellation allerdings deutlich mehr machen können.

Spannend wird der Roman vor allem dadurch, dass er ausgesprochen actionreich ist und von vielen unvorhergesehenen Twists profitiert, die die Protagonistin in immer neue Konflikte und Herausforderungen stürzen. Dass sie dabei nicht nur den Serienkiller verfolgen muss, sondern gleichzeitig auch noch polizeiinterne Kämpfe ausfechtet, in denen sie die Rolle des Underdogs einnimmt, erhöht das Leidenspotenzial der Protagonistin und nimmt den Leser noch mehr für sie ein. Sie ist Opfer und Heldin zugleich. Das Stake (das, was auf dem Spiel steht) wird dadurch außerordentlich hoch angesetzt. Es geht nicht nur um die Lösung des Falls und das Stoppen des Killers, sondern immer auch um das eigene Schicksal der Protagonistin. Man fürchtet in jeder neuen Situation um sie, und das macht die Story außerordentlich spannend.

Der Versuch, zusätzlich sozialkritische Elemente in den Plot einzuweben, ist weniger geglückt. Die Kritik an der mangelnden psychologischen Betreuung der Kriegsveteranen, die Gewissenlosigkeit von Pharmaunternehmen, die die Interessen ihrer Aktionäre über diejenigen ihrer Patienten stellen und die aussichtslose wirtschaftliche Lage der Underdogs in der Stadt des Scheins (LA), bleibt oberflächlich. Das Ganze wirkt checklistenartig abgearbeitet, auch wenn jeder genannte Problempunkt nicht nur in den USA gesellschaftlich hochrelevant ist. Sozialkritik in einen Krimi zu integrieren, ist natürlich lobenswert, da man hier große Lesergruppen erreichen kann, aber das bekommen Mankell und Le Carré besser hin, weil sie sich auf ein Thema fokussieren und ihre Krimis hinsichtlich des reinen Handlungsablaufs deutlich weniger komplex sind. Bzgl. des Pharmathemas sei an dieser Stelle nur „The Constant Gardener“ von Le Carré genannt.

Das Ende der Story ist (wie bereits bei „The Dead Room“) nach dem Höhepunkt m E zu lang geraten. Es gibt zwar auch hier ganz am Ende einen weiteren handlungsreichen Twist, aber ein strafferes Auslaufen der Geschichte wäre dramaturgisch sinnvoller gewesen. Auch das der Killer ganz zum Schluss (und relativ motivfrei) noch einmal eingreift, um die Bestrafung des letzten Bösewichts sicherzustellen, wirkt auf mich wie ein Deus ex machina, der Gott aus der Maschine, den die Dramaturgen in der antiken griechischen Tragödie einsetzten, um einer verfahrenen Situation die letzte entscheidende Wendung zu geben. Das Verfahren findet heute eher in der Politik als in der Literaur Anwendung. ;-)

Ich habe bisher nur zwei Romane des Autors gelesen, aber es ist auffallend, dass er viele Ideen, Typisierungen, Rollenmodelle etc. wiederverwendet, obwohl The Dead Room und The Last Witness keine Serienbeziehung haben. Es heisst zwar Never change a winning team, aber das kann bei Autoren, die viel veröffentlichen, auch nach hinten losgehen. Bei zwei gelesenen Büchern ist das natürlich nur ein erster Eindruck.

Charaktere:
Die Protagonistin und der psychotische Killer werden detailliert ausgeleuchtet. Das reicht für die Handlung vollkommen aus. Verbesserungspotenziale gibt es dennoch.

Protagonistin: etwas mehr Privatleben zusätzlich zur kurz angerissenen Historie hätte der Figur gut getan. Möglicherweise setzt der Autor darauf, dass der Leser den vorhergehenden Roman der Serie bereits kennt. Das naheliegende Problem, das männliche Autoren mit weiblichen Figuren haben, tritt hier weniger zu Tage, da der Autor die typisch weiblichen psychischen Elemente der Figur durch den extrem handlungsgetriebenen Ansatz umgeht. Ellis macht das durchaus clever, aber er vergibt dadurch auch das weibliche Potenzial der Figur. Lena könnte man durch Leon austauschen. Der Leser würde diesen Eingriff nicht bemerken.

Killer: seine Medikamentenabhängigkeit gibt ihm Originalität, aber da der Auslöser seiner psychischen Probleme in seinem Kriegseinsatz liegt, hätte die Figur um typische PTBS-Symptome wie Flashbacks angereichert werden können. Ein Killer, der selbst nicht mehr unterscheiden kann, ob er sich in der Realwelt oder seiner Kriegserinnerung bewegt, wäre noch unberechenbarer herübergekommen und hätte für den Leser den Spannungseffekt, dass er selbst immer im Zweifel wäre, ob eine Tat, die er aus der personalen Perspektive des Killers miterlebt, tasächlich stattgefunden hat.

Opfer: die Figur des „verlorenen Zeugen’ kommt in der Geschichte kaum vor, auch wenn sie das Leitmotiv ist. Die Schilderung ihrer Flucht vor den Verfolgern hätte für zusätzliche Spannung sorgen können.

Sprache/Duktus:
Die Sprache ist genretypisch knapp und handlungsorientiert, der Wortschatz wirkt diesmal eher durchschnittlich und etwas weniger ansprechend, als in „The Dead Room“. Zudem sind mir diesmal zu viele Klischées ins Auge gesprungen, die nicht hätten sein müssen. Der Autor scheint einen bspw. ausgesprochenen Augenfetisch zu haben. Fast alle Figuren haben blaue Augen, damit verbundene typische Adjektive wie „stechend“, „wahnsinnig“ etc., werden einfach zu oft strapaziert. Der Charakter einer Figur scheint sich hier vor allem über die Augen zu  erschließen, de facto ist das Repertoire der menschlichen Körpersprache doch etwas größer. Die deutsche Übersetzung  kann ich nicht beurteilen, da ich die Story im amerikanischen Original gelesen habe.

Fazit:
The Last Witness ist ein sehr spannender und actiongetriebener Thriller, der mit vielen überraschenden Twists aufwartet. Der komplexe Plot ist sehr professionell angelegt. Der Leser erhält in nahezu jeder Szene das Look & Feel aus personaler Perspektive, wobei alle Sinne bedient werden. Das Kopfkino kommt jederzeit leicht in Gang. Die Protagonistin ist sympathisch und aktiv. Sie bietet ein gutes Identifikationspotential für den Leser, auch wenn ich mir mehr weibliche Vielschichtigkeit gewünscht hätte. Der Text ist sprachlich genretypisch, der schnellen Handlung angemessen, aber nicht wirklich originell oder anspruchsvoll. Obwohl die Handlung fesselt, werden wie bei vielen Thrillern Rollenmodelle und Klischées strapaziert. Dadurch, dass der Autor bei den zahlreichen Twists um den Höhepunkt herum die Aufladung einiger Charaktere kippen lässt, fällt dieser Aspekt allerdings hier weniger ins Gewicht. Man kann sich als Leser nie sicher sein, ob sich eine Figur letztendlich als gut oder böse herausstellen wird. Dem typischen Kunstgriff vieler Krimiautoren, die vertrauenswürdigste Nebenfigur am Ende zum Täter deklarieren, verfällt Robert Ellis nicht. Man muss bei ihm immer damit rechnen, dass seine Figuren einen doppelten Wechsel der Aufladung durchmachen. Dadurch bleibt bis zur letzten Seite immer Spannung in der Geschichte. Insgesamt ein inhaltlich kurzweiliger und fesselnder Thriller mit durchschnittlichem sprachlichem Anspruch.

Subjektive Bewertung:


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