Samstag, 4. August 2012

Rezension – ‚The Scarecrow’ von Michael Connelly (€9,40.-); dt.: ‚Sein letzter Auftrag’

Bildquelle: Amazon.de / Orion
Bildquelle: Amazon.de / Heyne

Genre:
Thriller.

Umfang:
Ca. 550 Seiten (Print, US-Ausgabe, Orion).

Serie: ja (Jack McEvoy; einzelne Figuren kommen bereits in The Poet vor)

Inhalt:
Der LA Times – Reporter Jack McEvoy steht kurz vor seiner Entlassung aufgrund von Einsparmaßnahmen. Er will sich mit einem Big Bang aus der Redaktion verabschieden, um sich zukünftig seinem lange brach liegenden Romanprojekt zu widmen. Als er von der Großmutter eines wegen Mordes verurteilten jugendlichen Gangmitglieds mi der Bitte angesprochen wird, den Fall näher zu beleuchten, wittert Jack Pulitzerpreis-Material. Als während seiner Recherchen feststellt, dass zuvor ein fast identischer Mord in Las Vegas verübt wurde, wird ihm klar, dass er einem Serienkiller auf die Spur gekommen ist, der seine Taten anderen in die Schuhe schiebt. Jack kann seine Ex Rachel Walling, eine FBI-Agentin, dazu überreden, ihn zu unterstützen.

Als der Killer, der als Computerexperte in einem IT-Unternehmen arbeitet, feststellt, dass man ihm auf der Spur ist, tötet er Jacks Reporterkollegin, um seine Spuren zu verwischen. Auch Jack und Rachel geraten ins Visier des Killers.

Perspektive:
Ich-Erzähler (Jack/Prot.), personale Perspektive des Antagonisten (Carver), idR alternierend. Insbesondere der für Connelly ungewöhnliche Ich-Erzähler hilft dem Leser, tief in die Figur des Protagonisten einzutauchen und eine emotionale Identität herzustellen.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Regionales Setting: Los Angeles (LA Times) und Las Vegas (Server Farm).
Soziales Setting: Die größte Stärke des vorliegenden Romans ist die authentisch und detailreich beschriebene Arbeitswelt des Protagonisten. Der Autor hat selbst viele Jahre als erfolgreicher Polizeireporter in LA gearbeitet. Der Kampf um Lead-Stories, Story-Budgets, Zeilenumfänge und auch der wachsende Einfluss von Wirtschaftlichkeitsüberlegungen auf die Arbeit der Reporter wird von Connelly geschickt in den Roman eingeflochten. Der Newsroom wird für den Leser zu einem zu Hause auf Zeit. Der Leser kann jederzeit die Motivationslage des Protagonisten nachvollziehen, der aus Not, Trotz und auch aus verletzter Eitelkeit alles auf eine Karte setzt. Mit seinem Job verliert Jack auch den Boden unter den Füßen. Er handelt aus einer existenziellen Schwäche heraus und das macht die Figur umso vielschichtiger – auch und gerade im Vergleich zu anderen Serienprotagonisten des Autors, wie zB Harry Bosch. Setting und Charakter gehen eine perfekte Symbiose ein.

Auch der Antagonist wird in ein originelles Setting eingebettet. Er arbeitet ‚unter Tage’, in einer Art Bunker, in dem die Server betrieben werden, auf denen Kunden ihre sensitiven Daten lagern. In Zeiten regelmäßiger Berichte über Datendiebstahl, Identitätsdiebstahl etc. ist auch dieses Setting geeignet, Ängsten ein geeignetes Biotop zu bieten. Die Beschreibungstiefe ist laiengerecht.

Struktur und Spannungsbogen:
Vom Aufbau des Plots her ist The Scarescrow eine Kombination von Whodun’it-Krimi und Thriller. Das auslösende Ereignis ist ein Anruf der besorgten Großmutter des zu Unrecht Verurteilten bei Jack. Der Wunsch, mit einem Pulitzerpreis seine durch die Entlassung angeknackste Ehre zu retten und die Konkurrenz zu seiner Nachfolgerin liefern den emotionalen Sprit, der die Story befeuert. Durch die wechselnden Perspektiven ist der Antagonist für den Leser frühzeitig offensichtlich. An dieser Stelle übernimmt das Thrillerelement die Spannungsentwicklung. Der Antagonist wird aktiv und bekämpft die protagonistischen Kräfte. Die Sorge des Lesers um Jack und Rachel trägt die Story über Zwischenhochs bis zum furiosen Finale.

Hauptcharaktere:
Jack (Prot.)
Rachel (FBI, Prot-Unterstützerin)
Carver (Antagonist)
Stone (Antag.-Unterstützer)

Insbesondere der Protagonist wird auch emotional umfassend ausgeleuchtet. Die Eindringtiefe beim Antagonisten ist mE ausbaufähig. Seine Motivation wird nur oberflächlich und in Teilen klischeehaft beschrieben, indem auf seine Jugend verwiesen wird. Der Leser erlebt leider keine einzige seiner Taten akiv mit. Die Faszination des Killers für Beinprothesen (Iron Maiden) ist originell, aber aktive Handlung würde das Kopfkino mehr beflügeln, als Deskription. Das interessante Setting lässt diesen Mangel allerdings weniger deutlich werden, als man erwarten würde.

Sprache/Duktus:
Thrillergerecht.
Wie bei den meisten amerikanischen Texten des Genres ist die Sprache wohltuend knapp. Der Fokus liegt eindeutig auf der Handlung. Satzbau und Verbalisierung korrespondieren gut mit der inhaltlichen Ausgestaltung des Plots.
Die Qualität der dt. Übersetzung kann ich nicht beurteilen, da ich den Text bislang nur im amerikanischen Original gelesen habe.

Nice to know:
Im Gegensatz zu Jack McEvoy war Michael Connelly als Reporter tatsächlich einmal Finalist für den Pulitzer-Preis.

Viele Stories von Connelly haben einen True Crime – Background. Wer sich dafür interessiert, dem sei Crime Beat (dt.: L.A. Crime Report, Heyne) empfohlen. Hier gibt der Autor einen persönlichen Einblick in seine Arbeit und schildert reale Verbrechen aus der Sicht des Reporters. Insbesondere der Auslöser für seine Reporter-Karriere ist so real wie interessant und hat mich an James Ellroys Hintergrund erinnert.
 
Bildquelle: Amazon.de / Back Bay Books, Little, Brown & Comp.

Fazit:
The Scarecrow ist spannende Thrillerkost und mit Sicherheit einer der besten Connellys. Die authentische Gestaltung des Settings und ein Protagonist mit Empathiepotential heben den Roman deutlich über den Durchschnitt. Connelly-Fans, denen die letzten Harry Bosch – Romane zu flach waren, werden durch The Scarecrow wieder mit dem Autor versöhnt.

Subjektive Bewertung:
4 Sterne (von max. 5)

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