Freitag, 21. September 2012

Rezension – ‚Wer dem Tode geweiht’ von Elizabeth George (€ 9,99.-)


Bildquelle: Amazon.de / Goldmann
Genre:
Krimi.

Umfang:
Ca. 830 Seiten (TB, Print).

Serie:
Ja (Inspektor Linley).

Inhalt:
Eine unbekannte Tote wird auf einem alten Londoner Friedhof aufgefunden. Isabelle Ardery, die sich um die offene Stelle eines Detective Superintendent bei New Scotland Yard beworben hat, wird von ihrem Chef mit dem Fall betraut. Ihre Beförderung wird von ihrem Ermittlungserfolg abhängig gemacht. Sie weiß, dass sie im ehemaligen Team des nach dem Tod seiner Frau beurlaubten DI Thomas Linley einen schweren Stand haben wird. Linley war außerordentlich erfolgreich und bei seinen Kollegen beliebt. Eigentlich war Linley für den Posten vorgesehen, den Ardery nun anstrebt. Aus taktischen Gründen und um den schwierigen Fall zu lösen, bittet Ardery Linley zurück ins Team zu kommen – allerdings als ihr Untergebener. Linley stimmt zu ihrer eigenen Überraschung zu.

Auch nachdem die Identität der Toten festgestellt werden kann, bleibt das Motiv der grausamen Tat unklar. Gleichzeitig gibt es eine ganze Reihe potenziell Verdächtiger, die mit dem Opfer in der einen oder anderen Weise in Kontakt standen. Ardery ist dem starken Druck, endlich einen Täter zu präsentieren, nicht gewachsen. Sie macht zahlreiche Ermittlungsfehler, die fast zum Tod eines Verdächtigen führen. Nur durch die Unterstützung von DI Lynley, der sich ihr gegenüber loyal verhält und durch DS Barbara Havers hartnäckige eigene Ermittlungen gelingt es, dem Tatmotiv und dem Täter auf die Spur zu kommen. 

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven der Hauptfiguren. IdR finden die Wechsel kapitelweise statt, z T wird absatzsweise eine neue Perspektive eingenommen.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Authentische und originelle Schauplätze sind in all ihren Romanen die Stärke der Autorin. Auch in diesem Fall gelingt es George aufgrund ihrer Detailverliebtheit und ihrer sprachlichen Ausdruckskraft, den Leser in so verschiedene Settings wie einen aufgelassenen Friedhof oder das ländliche Hampshire an der Südküste Englands zu katapultieren. Das Kopfkino wird jederzeit bestens bedient und der ein oder andere Leser wird zum Reiseprospekt greifen, um der Autorin auch im Real Life in ihre Romanwelten zu folgen. Was Dan Brown für Rom ist, ist Elizabeth George für England. Die Autorin lebt übrigens mittlerweile in den USA, wenn auch in einer Gegend, die mit ähnlichen Wettervorhersagen gepeinigt wird, wie das Königreich. Warum das Cover ein Sujet (aufgewühltes Meer) präsentiert, das nicht das Geringste mit dem Roman zu tun hat, wird das Geheimnis des Verlags bleiben. Gerade der Friedhof hätte wunderbare Motive bereit gehalten, um die Albträume der Leser zu befeuern.

Struktur und Spannungsbogen:
Die Romane von Elizabeth George sind hinsichtlich der Plotstruktur ebenso komplex wie durchkalkuliert. Es gibt zahlreiche Set-up’s, die den Leser ‚bei der Stange’ halten. Alle werden im Verlauf der Geschichte  mit befriedigenden Pay-off’s bedient. Die Autorin hat ihren Plot zweigleisig angelegt. Neben dem aktuellen Mordfall wird ein weiteres Verbrechen geschildert, das bereits vor vielen Jahren stattfand. Drei Jugendliche aus sozial problematischen Familien entführen und ermorden ein Kleinkind. Dieser in Form eines Ermittlungsberichts präsentierte Handlungsstrang nimmt deutlich weniger Raum ein als der Hauptfall, und es wird erst sehr spät im Plot erkennbar, wie die beiden so unterschiedlichen Fälle zusammenhängen. Auch dieser Aspekt ist ein Grund, warum der Leser an der Story dran bleibt. George nutzt wie gewohnt den ganzen Werkzeugkasten des erfahrenen Krimiautors.

Die Plotkonstruktion ist hochprofessionell, wenn auch ein wenig schematisch. Dass das Spannungspotenzial der Story nicht voll ausgeschöpft wird, liegt mE an Defiziten im Bereich der Figuren und der Sprache (s. u.).

Charaktere:
Isabelle Ardery (intelligent, gerissen, will den Job um jeden Preis, hat ein Alkoholproblem und ist dem Druck alleine letztlich nicht gewachsen). Ardery ist aufgrund ihrer Verkrampftheit, des taktischen Kalküls und ihrer Schroffheit im Umgang extrem unsympathisch gezeichnet. Man stellt sie sich unwillkürlich als eine etwas attraktivere Ausgabe unserer Kanzlerin vor. Wieso Linley aufgrund ihrer Bitte zurück ins Office kommt und sie selbstlos unterstützt, bleibt sein Geheimnis. Dass er so ganz nebenbei auch noch mit Ardery ins Bett steigt, kurz nachdem er sie aus dem Wodkarausch wiederbelebt hat, lässt dem Leser das Blut in den Adern gefrieren. Leider nicht vor Spannung, es hat eher etwas mit dem Magen zu tun.

Thomas Linley (der bekannte Held der Serie; ein Earl, der Polizist aus Leidenschaft ist; L. war nach der Ermordung seiner Frau psychisch gebrochen und aus dem Dienst ausgeschieden). Der Serienprotagonist Linley wird durch sein lahmes und unmotiviertes Verhalten –insb. im Verhältnis zu Ardery – als Protagonist geradezu kastriert. Er hat diesmal nur eine Nebenrolle, was für die Serie sogar belebend sein könnte, wenn eine andere Figur die Rolle des vorantreibenden Protagonisten übernehmen würde. Fehlanzeige. Havers, die das charakterliche Potenzial hätte, agiert am Rande und weitgehend unabhängig und der Rest der Figuren bleibt farblos. Leider wird auch nicht das psychologische Moment der Dreierkonstellation Ardery-Linley-Havers ausgeschöpft (Linley zwischen zwei Frauen). Trotz des interessanten Plots bleibt die Geschichte durch diese Mängel überraschend lahm. Es fehlt einfach eine Projektionsfläche für den Leser. Empathie kommt nur selten auf.

Barbara Havers (das Anti-Modepüppchen aus einfachen Verhältnissen, das sich in den bisherigen Romanen der Serie mit dem Adligen zusammenrauft und für ihn mehr empfindet, als sie sich eingestehen will und als er erkennt). Die Figur ist gewohnt rauflustig und originell angelegt. Da sie hier weitgehend eigenständig agiert, fehlt die Reibung zu ihrem Hassobjekt (Ardery) und zu ihrem zurückgekehrten Idol. Sie sieht zu und wundert sich über sein Verhalten. Der Leser auch.

Gordon Jossie (Dachdecker; der Ex-Freund des Opfers und einer der Haupt-Verdächtigen). Eine sympathische Figur, der man den Verdächtigen nicht wirklich abnimmt. Tiefe erhält Jossie erst am Ende, wenn die beiden Handlungsstränge zusammenlaufen.

Meredith (Freundin der Toten, die Jossie verdächtigt). Die Figur ermittelt selbst, stellt sich extrem naiv und tollpatschig an und gerät dadurch in der Klimax in Lebensgefahr. Am Ende bringt sie ein wenig Spannung in die Bude, aber insgesamt bleibt die Figur unglaubwürdig und büßt dadurch ihr Empathiepotenzial ein.

Robbie Hastings (Bruder des Opfers; Wildhüter; hässlich wie die Nacht). Die Figur wirkt originell, aber sie ist in der ‚Armee der Charaktere’ zu unbedeutend und für die Geschichte letztlich irrelevant. Erst im Epilog verschafft Hastings dem Leser etwas emotionale Erleichterung, weil sich eine Prinzessin findet, die das männliche Aschenputtel erhört. Vielleicht erwarten die Leserinnen von Elizabeth George einige rosa Wolken am Ende. Die Soap ist nicht allerdings mehr als bemüht. Sie wirkt wie eine nachträglich angeklatschte Marketingvorgabe des Verlags („bitte noch etwas Herzschmerz Elza-Schatz“).

Jemina (das Opfer; taucht nur indirekt auf; hüpft von Mann zu Mann; hat Gordon Jossie verlassen und gibt ihm dadurch ein Motiv). Ihre Motivation für die Erpressung ihres Ex ist nur schwer nachzuvollziehen. Sie ist einfach zu naiv und blass.

Frazer (ein Eislauflehrer und Verführer). Frazer ist ein reiner Antagonist. Die Figur taucht erst am Ende stärker auf. Sie ist unipolar (bad guy) angelegt und deshalb nicht empathiefähig. Eigentlich ist sie – wie der Leser erst am Ende erfährt – der negative Treiber der Handlung. Durch ihre schwache Positionierung im Plot macht die Figur in dieser wichtigen Funktion nur wenig Sinn.

Die schwache Figurenzeichnung und –interaktion schadet der interessant angelegten Story außerordentlich. Weniger und dafür tiefer ausgeleuchtete Figuren wären das bessere Rezept gewesen.

Sprache/Duktus:
Die sprachlichen Fähigkeiten der Autorin sind unbestritten und auch in dieser Story präsent. Das Kopfkino des Lesers wird mühelos durch den komplexen Plot bewegt. Auffällige sprachliche Hänger habe ich trotz beachtlicher 830 Seiten nicht ausmachen können. Der Satzbau ist für ursprgl. englischsprachige Texte relativ komplex. Wieviel davon der Übersetzung geschuldet ist, kann ich nicht beurteilen. Es gibt lediglich einen Aspekt, der meines Erachtens unnötig Fahrt aus der Story nimmt. Viele Handlungen und Dialoge werden in der indirekten Rede wiedergegeben. Das geschieht zwar sprachlich ausgesprochen elegant, aber für einen Krimi ist die Unmittelbarkeit des Geschehens ein nicht zu unterschätzender Antrieb.

Fazit:
Plus: Exzellent komponierter Plot und elegante sprachliche Umsetzung.

Minus: Ungewohnt blasse Charaktere und empathisch schwer nachvollziehbare Interaktionen der Hauptfiguren. Ardery ist zu unipolar negativ besetzt, der Sympathieträger der Serie Lynley wirkt seltsam abwesend und sein Alter Ego Hastings ist zu weit außerhalb des Geschehens, um Lynley Farbe zu geben. Der Versuch, der weltweit beliebten Serie neue Impulse zu geben, ist mutig und sinnvoll, aber das kann nur gelingen, wenn empathische Alternativcharaktere eingeführt werden. Ardery ist nicht kraftvoll genug, um die genial kauzige Hastings zu ersetzen. In diesem Fall hat die Suche nach Alternativen mE zur gleichzeitigen Schwächung aller Figuren geführt. Der Roman ist aufgrund des Erzähltalents der Autorin dennoch lesenswert.

Subjektive Bewertung:
3 Sterne (von max. 5).

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