Donnerstag, 25. Oktober 2012

Rezension – ‚Aschenputtel’ von Kristina Ohlsson (TB 9,99€ )



Bildquelle: Amazon.de / blanvalet
Genre:
Thriller.

Umfang:
Ca. 500 Seiten (Print).

Serie:
Ja. Der Folgeroman heißt 'Tausendschön'.

Inhalt:
Eine Mutter reist mit ihrer kleinen Tochter mit dem Zug nach Stockholm. Als sie während eines ungeplanten Zwischenstopps den Zug verlässt, um zu telefonieren, verpasst sie die Weiterfahrt. Ein Unbekannter nutzt ihre Abwesenheit, um die Tochter zu entführen. Wenig später wird das Mädchen tot aufgefunden. Der Täter hat es in der Nähe einer Klinik abgelegt. Auf seiner Stirn steht ‚Unerwünscht’. Als ein weiteres Kind verschwindet und unter ähnlichen Umständen tot aufgefunden wird, wird der Polizei klar, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun hat, der offenbar eine Komplizin hatte. Eine Täterbeschreibung dieser Frau führt zu einer Spur. 

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven insbesondere der beteiligten Ermittler sowie der Komplizin des Täters in ihrer eigenen Opferrolle. Es findet kein Protagonist-Antagonist-Perspektivwechsel statt.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Regionales Setting: Im Wesentlichen Stockholm, die Tatorte, sowie und die Wohnorte der Verdächtigen und Zeugen. Die Beschreibungen der Settings bleiben oberflächlich, was die Verbildlichung der Handlung für den Leser erschwert. Lediglich das Haus der Mutter eines Verdächtigen wird detaillierter ausgeführt und findet in ihrer Figur eine komplementäre Entsprechung.
Soziales Setting: Vernachlässigung von Kindern und Gewalt gegen Frauen. Auch das soziale Setting bleibt oberflächlich. Die Stationen, die ein Kind bei Pflegefamilien und Heimen durchlebt hat, aufzuzählen, reicht nicht aus, um emotionale Nähe herzustellen. Der Leser kann das soziale Setting nur intellektuell begreifen, aber nicht miterleben und um Letzteres geht es in einem Roman. Für den Rest reicht auch die Lektüre der Tageszeitung.

Struktur und Spannungsbogen:
Ausgehend vom auslösenden Ereignis, der Entführung des Mädchens aus dem Zug, werden unterschiedliche Spuren verfolgt. Spannunginstrument ist zu Anfang die Sorge um das Mädchen und die Hoffnung auf ihre Rettung durch das rechtzeitige Auffinden des Täters, nach ihrem Tod geht es um die Verhinderung weiterer Taten des (dann) offensichtlichen Serientäters.

Die Grundanlage des Romans entspricht dem typischen Serienmörder-Krimi. Es wird leider viel Spannungspotenzial verschenkt, weil dem Leser die Taten nur indirekt vermittelt werden, indem er die Ermittler bei der Spurensuche begleitet. Bei einem reinen Whodunit-Krimi ist das akzeptabel, sofern die Aufklärung genügend interessante Twists bereit hält. Ein Thriller mit einer Tatverhinderungsmotivation hat demgegenüber idealerweise eine zusätzliche Handlungskomponente, die in diesem Roman fast vollständig wegfällt. Der Leser erlebt die Taten nicht mit, was mit einem alternierenden Wechsel auf die Täterperspektive leicht realisierbar gewesen wäre. Auch auf Spannung durch Bedrohung wird verzichtet. So wird weder ein potenzielles Opfer noch einer der Ermittler vom Täter bedroht. Lediglich die Komplizin des Täters erlebt eine Bedrohungssituation. Aufgrund ihrer Komplizenschaft und ihrer starken psychischen Störung bietet sie für den Leser jedoch kaum Empathiepotenzial – die Grundvoraussetzung für das Mitleiden und Mitfürchten des Lesers.

Es gibt zwar wechselnde Spuren – aber sie wechseln ohne miterlebbare Konsequenzen und versanden mehr, als dass sie harte Handlungstwists auslösen. Die Ermittler sind zwar verstimmt, wenn sie auf eine falsche Spur gesetzt haben, aber das reicht nicht. Ein Opfer aktiv (miterlebbar) sterben zu lassen, weil die Ermittler versagt haben und die Ermittler anschließend mit der Wut und Sensationsgeilheit von Pressevertretern, Angehörigen und der angesichts eines Serienkindermörders panischen Öffentlichkeit zu konfrontieren, würde den Rahmen für eine spannungsgeladene Handlung liefern. Stattdessen blubbert der Plot auf niedriger Flamme vor sich hin. Dass der Roman in einem sozial relevanten Kontext wie Gewalt gegen Frauen und Vernachlässigung von Kindern und Abtreibungen spielt, ist zwar löblich, aber die Handlung ist zu distanziert von diesen Realitäten, als dass sie hiervon profitieren könnte. Es bleibt beim passiven Lesen, das Miterleben wird von der Handlung nicht ausreichend getriggert.

Die Anlage des Romans ist zwar konventionell, sie bietet dennoch ausreichend Spannungspotenziale. Zum Beispiel ist die Vorstellung, dass eine Mutter miterleben muss, wie der Zug mit ihrem kleinen hilflosen Kind in der Ferne verschwindet, geradezu traumatös und auch visuell gut umsetzbar. Wer würde sich nicht in Selbstvorwürfen zerfleischen und alle denkbaren Bedrohungen für das Kind in der Fantasie durchspielen? Aus Sicht des Kindes wäre das Entrissensein aus der Sicherheit der mütterlichen Obhut ebenso miterlebbar bedrohlich. Man könnte an dieser Stelle einen sympathischen Mitreisenden einführen, der sich des Kindes annimmt - mit der ganzen Doppeldeutigkeit seiner möglichen Motivation. Die Potenziale für spannungsreiche Situationen noch vor der Tat, für das Spielen des Autors mit den Emotionen des Lesers, sind unendlich, aber sie werden nicht genutzt. Es geht darum, die Angst vor der Tat maximal auszuspielen, die Tat selbst hat, wenn sie nicht miterlebt werden kann, nur Nachrichtenwert.

Tools wie Cliffhanger werden im Text nur selten genutzt, um den Leser am Ende eines Kapitels zum Weiterlesen zu bewegen. Oft enden die Kapitel stattdessen mit einem abgeschlossenen Teil-Plot, der keine neuen Fragen aufwirft. Eine zum Ende eines Kapitels/einer Sequenz/eines Aktes hin abfallende Spannung weckt kein Interesse daran, wie es weitergeht. Ein Kapitel sollte idealerweise mit einem Konflikt rsp. einer Herausforderung für den Protagonisten enden, die im inhaltlich anschließenden Kapitel durch eine Handlung gelöst wird, die zu einer noch größeren Herausforderung führt usw. usw. bis der Protagonist in der finalen Herausforderung obsiegt oder scheitert. Der vorliegende Thriller nutzt diese Plot-Standards zur Spannungsentwicklung und ‚Leserbindung’ zu selten.

Die Klimax wird - wie auch viele andere Textstellen mit Spannungspotenzial - indirekt und in einer Rückschau geschildert. Das ist eine sichere Methode, um den Leser aus der Handlung herauszuhalten und die Spannung zu reduzieren. Warum? Und vor allem, warum gerade im Höhepunkt, in dem der Täter endlich einmal jemanden bedroht (ein 3. Kind-Opfer)? Leider wird auch dieses Opfer nicht näher beschrieben, es bleibt neutral, so dass, obwohl es sich um ein Kind handelt, nur wenig Empathie aufkommt. Kurz vor der Klimax taucht ein möglicher alternativer Verdächtiger auf, der das Leben einer Polizistin und ihrer Kinder gefährden könnte. Die Figur wird leider innerhalb weniger Sätze sofort wieder als Täter ausgeschlossen, ohne das mit der Bedrohungssituation gespielt worden wäre. Das ist eine vergebene Chance für einen spannenden Twist. Ein Thrillerleser will sich fürchten. Er braucht keine ex ante - Auflösungen als verbales Beruhigungsmittel. Dass die Klimax zudem noch mit einer Überschrift versehen ist, die das (positive) Ende vorwegnimmt, lässt mich ratlos zurück. 'Langsame Erholung' heißt der Teil 3 des Buches, der nur dieses eine kurze Klimax-Kapitel enthält. 'Langsame Erholung' - kein Scherz. Gut zu wissen, dass nichts Schlimmes mehr passiert, bevor das Finale auch nur begonnen hat. Ein Thriller, in dem der Protagonist nicht zumindest die Chance hat, im finalen Höhepunkt zu scheitern, geht am Thema vorbei. Ganz einfach.

Hauptcharaktere:
Alex Recht: Ermittlungsleiter, gilt als erfolgreich, setzt jedoch auf die falsche Spur, ist deswegen unsicher, mag ebenso wie Peder keine ‚Akademiker’ (Anm.: gibt es in Schweden leitende Kommissare ohne Studium?), er steht Fredrika deshalb kritisch gegenüber und beklagt ihren mangelnden Respekt vor den alten Hasen.
Fredrika Bergman: junge Ermittlerin, analytisch, akademisch, engagiert, fühlt sich von den Kollegen übergangen, sie begreift die Zusammenhänge als Erste, liebt einen verheirateten älteren Mann.
Peder Rydh: die rechte Hand des Ermittlungsleiters, emotional, betriebsblind, geht fremd, hat Probleme mit seiner Frau, zu Anfang stark gegen Fredrika eingenommen, erkennt zunehmend ihre Kompetenz an.

Der Roman wird ausschließlich von den protagonistischen Kräften determiniert. Abgesehen von der Komplizin des Täters, deren Perspektive in wenigen Abschnitten eingenommen wird und in denen der Täter kurz vorkommt, bleiben die antagonistischen Kräfte von aktiven Handlungsbeiträgen ausgeschlossen. Das schränkt den Handlungsrahmen für einen Thriller sehr ein. Spannung kann somit nur durch ein latentes Bedrohungspotenzial entstehen, das im vorliegenden Text mangels geeigneter Identifikationsobjekte für den Leser allerdings kaum spürbar ist.

Den Befindlichkeiten der Ermittler wird sehr viel Raum gegeben. Insbesondere Peder und Fredrika reflektieren permanent ihre Positionen in der Ermittlung und auch im privaten Kontext. Ihre charakterlichen Gegensätze bieten viele Konfliktmöglichkeiten, die anfänglich auch gut für die Plotentwicklung genutzt werden. Fredrika und Peder machen auch einen gewissen Wertewandel durch. Irgendwann läuft sich jedoch jede Nabelschau tot und ihre privaten Probleme sind nicht so exotisch und haben zu wenig Berührungspunkte mit dem Fall, als dass sie für sich genommen den Leser ausreichend fesseln könnten. Ein Ermittler, der in seiner Kindheit in einem dem Fall ähnlichen sozialen Setting aufgewachsen wäre, würde (nur als Bsp.) diese Berührungspunkte bieten. Dadurch bedingte Überreaktionen könnten zu spannungsgeladenen Konflikten führen. Insgesamt wirken die Ermittler in ihrer Unsicherheit fast kindlich. Fredrika fürchtet bspw. in einer Vernehmung bereits die Kontrolle zu verlieren, nur weil ihr Gegenüber ihr einen Kaffee anbietet. Umgekehrt interpretiert sie, wenn ihr nichts angeboten wird, diesen Umstand als Ablehnung. Die ist nur eines von vielen Beispielen dieser Art, die zusammengenommen für eine Kindergärtnerin in der Probezeit noch durchgehen mögen, bei einer Mordermittlerin aber unglaubwürdig sind.

Alex Recht wird als erfolgreicher und erfahrener Kommissar eingeführt, er macht jedoch mehr Ermittlungsfehler als jeder Polizeischüler. Sein Ruf und seine Stellung stehen im exakten Gegensatz zu seinem Handeln.

Auch die Methoden der Ermittler wirken steinzeitlich. Alex Recht kommt zB erst in der Spätphase der Ermittlungen auf die Idee, die Zusammenhänge des Ermittlungsstandes auf einem Blatt Papier auf seinem Schreibtisch zu skizzieren. Ganz am Ende malt er sogar eine Zeitleiste, um sich merken zu können, was wann passiert ist. Hallo? Zur Erinnerung: es geht nicht um Ermittlungen in einem Fahrraddiebstahl, sondern um ein mehrköpfiges Team in einem hochtechnisierten Land, das einen Serienkiller jagt. Flipcharts, Whiteboards und Metaplantafeln sind heutzutage Standard bei der Polizei, um Informationen und Ermittlungsergebnisse vom 1. Tag an so zu visualisieren, dass jeder im Team auf dem gleichen Stand ist und in den Meetings mitdiskutieren kann.
Lustig wird es, als Peder auf die grandiose Idee kommt, einen Profiler hinzuzuziehen, nachdem die Polizisten mit ihrem Latein am Ende sind.  Als er ihn dem Team präsentiert ist er ganz stolz. "Dr. Rowland ist ein sogenannter Profiler" sagt er, weil er anscheinend davon ausgeht, dass niemand im Team weiß, was das ist. Mordermittler, die nicht wissen, was ein Profiler ist? Gibt es heutzutage einen 12-Jährigen, der nicht weiß, was das ist? Mal abgesehen davon, dass ein Profiler in solchen Fällen selbstverständlich standardmäßig hinzugezogen wird. Immerhin scheint der Experte seine Glaskugel dabei zu haben. Er vermutet einen militärischen Hintergrund des Täters (keine Ahnung warum), hält ihn für ein Genie (?), sowie gut ausgebildet und gut aussehend, weil es ihm im Abstand von Jahren gelungen ist, zwei Frauen von sich zu überzeugen. Charles Manson war übrigens ein stockhässlicher Analphabet mit mehr als zwanzig Freundinnen (gleichzeitig!). Ach ja, daraus, dass der Täter keine Fingerabdrücke hinterlässt, schließt der Profiler messerscharf, dass jener seine Fingerkuppen manipuliert hat. Handschuhe scheinen nicht ins Profil zu passen - warum auch immer. Respekt! Der Mann hat das Zeug für eine eigene Fernsehshow: 'SSDS - Schweden sucht den Superprofiler.'

Für jeden tatsächlichen Kriminalbeamten hätten die Ermittlungen satirische Qualitäten. 

Sprache/Duktus:
Die sprachliche Ausgestaltung des Romans ist vom Satzbau und der Verbalisierung her für einen Krimi akzeptabel. Da sich jedoch ein erheblicher Teil des Textes mit den psychischen Befindlichkeiten der Ermittler befasst und nicht als Handlung beobachtbar ist, reicht dieser sprachliche Ansatz nicht aus. Klischees wie „er lächelte schief“ oder ‚sie spürte, wie sie rot wurde“ (das passiert Fredrika ständig) zu verwenden, um Unsicherheit auszudrücken, ist zu wenig, um das Kopfkino des Lesers in Gang zu setzen. Es gibt zu viele sich wiederholende Beschreibungen der Stimmungslage. Eine etwas größere Variationsbreite hätte dem Text gut getan, um das Interesse des Lesers aufrecht zu erhalten. Wie viel hiervon der Übersetzung ins Deutsche geschuldet ist, kann ich nicht beantworten.

Persönliches Fazit:
Der Roman ist mE für einen Krimi nicht komplex genug, für einen Psychothriller zu wenig abgründig und für einen klassischen Thriller zu handlungsarm, um den Leser zu fesseln. Vorhandene Spannungspotenziale des Plots werden nicht genutzt. Insgesamt bleibt der Roman zu blass, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich die Rezension veröffentlichen soll. Ich hätte gerne ein konstruktiveres Feed-back gegeben. Kommerziell war der Roman offenbar erfolgreich und da der Markt immer Recht hat, habe ich im Zweifel Unrecht. Entscheiden Sie selbst.

Subjektive Bewertung:
1 Stern (von max. 5)

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