Samstag, 20. Oktober 2012

Rezension – ‚Three Seconds’ von Anders Roslund und Börge Hellström (Kindle Ed.)


Bildquelle: Amazon.com / Quercus
Genre:
Thriller

Umfang:
Ca. 500-600 Seiten (Print, je nach Ausgabe)

Inhalt:
Piet Hoffman ist ein ehemaliger Sträfling, der undercover für die schwedische Polzei arbeitet. Es gelingt ihm, sich in den Rängen einer polnischen Gruppierung der organisierten Kriminalität so weit vorzuarbeiten, bis die Führungsspitze auf ihn aufmerksam wird. Er erhält die Möglichkeit, einen neuen Geschäftszweig für die Organisation aufzubauen: den Amphetaminhandel innerhalb von Gefängnissen. Die Polizei wittert ihre Chance, den Polen das Handwerk zu legen. Als Piet Zeuge wird, wie ein weiterer V-Mann von den Gangstern getötet wird, vertuscht die Polizei Piets Beteiligung, um seinen Einsatz nicht abbrechen zu müssen. Mit Hilfe seines Führungsbeamten, Eric Wilson, und einiger eingeweihter Beamter aus dem Justizapparat sowie der Gefängnisverwaltung wird eine Legende für Piet aufgebaut, die ihm im Gefängnis die notwendige Glaubwürdigkeit verleihen soll. Aus dem ehemaligen Kleinkriminellen wird auf dem Papier ein gefährlicher Psychopath, der sich bereits des versuchten Polizistenmordes schuldig gemacht hat. Niemanden respektieren die Knacki’s mehr, als einen Polizistenmörder - ein aufgedeckter V-Mann hätte dagegen hat keine Nachsicht zu erwarten. Piet Hoffman ist sich der Gefahr bewusst, dennoch erklärt er sich zu der Aktion bereit. Die Justiz sagt ihm jegliche Unterstützung zu und will ihm und seiner Familie nach seinem Einsatz eine neue Identität verschaffen. Piet lässt sich verhaften und innerhalb kürzester Zeit gelingt es ihm, die notwendigen Drogen in das Gefängnis einzuschmuggeln und mit Hilfe zweier Kompagnons aus den Reihen der Polen den Handel aufzunehmen.

Währenddessen versucht Kommissar Ewert Grens den Mord an dem anderen V-Mann aufzuklären. Immer wieder wird er von seinen Kollegen ausgebremst, dennoch gelingt es ihm, eine Verbindung zwischen Piet Hoffman und dem Mordfall herzustellen. Insbesondere die Strafakte von Piet macht den Kommissar misstrauisch. Als er einen Vernehmungstermin mit dem V-Mann anberaumt, geraten einige der beteiligten Beamten in Panik und beschließen Piet zu ‚verbrennen’, indem sie die Information an die Polen durchsickern lassen, dass er für die Polizei arbeitet. Als die Polen versuchen, ihn im Gefängnis zu töten und die Polizei nichts zu seinem Schutz unternimmt, wird Piet klar, dass man ihn fallengelassen hat. Er nimmt Geiseln und verschanzt sich in einem Büro der Gefängnisverwaltung.

Kommissar Ewert Grens wird beauftragt, die Geiselnahme zu beenden. Mit Hilfe eines Scharfschützen soll Piet Hoffman ausgeschaltet werden. Zu spät bemerkt Grens, dass man ihn benutzt hat, um den in Ungnade gefallenen V-Mann auszuschalten, doch Piet Hoffman weiß sich zu wehren.

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven der Hauptfiguren. Es gibt ein paar auktoriale Ausrutscher, die aber nicht weiter ins Gewicht fallen.

Erzählzeit:
Vergangenheit.

Setting:
Hauptsächlich Stockholm. Die zweite Hälfte des Romans spielt größtenteils im Gefängnis. Insbesondere letzteres Setting wird authentisch geschildert. Die klaustrophobische Atmosphäre kommt sehr gut herüber. Selbst kleinste Details wirken realistisch. Der Leser fühlt sich nach wenigen Kapiteln selbst wie ein Insasse. Die Autoren haben sich offenbar von ‚Insidern’ beraten lassen.

Struktur und Spannungsbogen:
Ausgehend vom auslösenden Ereignis, der Ermordung des 2. V-Manns, entwickeln sich zwei parallele Handlungsstränge, die im Höhepunkt zusammenlaufen. Der Zusammenhang zwischen der Mordermittlung von Grens und Piet Hoffman’s Aktivitäten im Knast sind für den Leser jederzeit offensichtlich – hier wurde Spannungspotenzial verschenkt. Es wäre sinnvoller gewesen, das Gerüst der Story erst im finalen Höhepunkt offenzulegen.

Die Story kommt sehr langsam in Fahrt, thrillerwürdige Spannung kommt erst ab etwa 40% des Textes (Kindle Ed.) auf. Das ist zu spät. Wenn der Roman nicht den Schwedischen Krimipreis gewonnen hätte, wäre ich spätestens nach 20% ausgestiegen. So hat mich das Prinzip Hoffnung bei der Stange gehalten. Insgesamt hätte eine deutliche Kürzung der Story gut getan. Mit 350 statt der 500-600 Seiten (je nach Ausgabe) wäre aus ‚Three Seconds’ eine runde Sache geworden.

Die Stärken des Romans sind einerseits die authentische Gefängnisatmosphäre und der damit verbundene ‚Fish Bowl – Effect’, der den Protagonisten und damit den Leser aller Fluchtmöglichkeiten beraubt und darüber hinaus, die überaus fantasiereiche Art und Weise, wie Piet Hoffman seinen Job hinter Gittern ausführt und auf die zahlreichen Bedrohungen reagiert. So ausgefuchst seine Methoden auch sind, man hat jederzeit das Gefühl, dass sie in Realität anwendbar sind. Amateur-Dopeschmuggler können hier einiges dazulernen.

Übertrieben haben es die Autoren diesbezüglich allerdings mit der Klimax. Dass der Protagonist das Verhalten der Polizei in jedem Punkt genau vorausberechnen kann und sich auf dieses eine Szenario verlässt, als wäre es ein Naturgesetz, ist unglaubwürdig. Das Gleiche gilt für die Wirkung seines Sprengsatzes und andere technische Finessen. Schade, durch dieses unnötige Überziehen wird aus dem gepeinigten Täter-Opfer mit hohem Identifikationspotenzial für den Leser ein Über-James Bond, der nur in einem Actionstreifen wirkt, wenn man sich vorher eine Handvoll Popkorn in den Mund stopft und das Gehirn zu Gunsten des audiovisuellen Großangriffs des Regisseurs ausschaltet. Bei einem Buch bleibt das Gehirn an und ein Krimi gerät schnell zur Parodie seiner selbst

Charaktere:
Ein Schwachpunkt des Romans ist mE die unklare Motivlage der Figuren, die es schwer macht, ein emotionales Feeling für die Handlung und die Akteure zu entwickeln. Piet Hoffman ist ein Ex-Kleinkrimineller und Ex-Junkie, der nun selbstlos für die Guten im Einsatz ist, auch wenn sich die Guten später als die eigentlichen Schlechten erweisen. Er hat eine ihn liebende Ehefrau, die nichts von seinem Job weiß, nebst zwei kleinen Jungs und einem Einfamilienhäuschen. Der unvermeidliche Stöckchen apportierende Labrador fehlt, aber über dieses Manko kann man hinwegsehen. Nein Spaß beiseite, das figürliche Setting des Protagonisten ist etwas klischeehaft geraten, aber für einen Thriller akzeptabel. Gravierender sind andere Fragen: Was veranlasst Piet Hoffman zu seinem lebensgefährlichen Einsatz hinter den Gefängnismauern? Einerseits hat er ein schlechtes Gewissen, wenn er seine Jungs zu spät vom Kindergarten abholt, aber damit, nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner gesamten Familie den Killern der polnischen Mafia auszusetzen, hat er seltsamerweise keine Probleme. Gezwungen wird er zu der Aktion nicht, sein Führungsbeamter weist ihn mehrmals darauf hin, dass er es freiwillig macht. Seltsam. Noch seltsamer ist, dass Piet seiner Frau erst am Vorabend seines Gefängnisaufenthalts kurz vor dem Schlafengehen von seinem jahrelangen V-Mann-Status und der lebensgefährlichen Aktion erzählt und ihr eine Art Notfallplan in die Hand drückt, für den Fall, dass etwas schief geht. Sie sagt keinen Ton und macht später, als Piet den Plan in Gang setzt, haargenau, was er ihr aufgetragen hat. Welche Frau würde einfach so akzeptieren, dass ihr Mann das Leben ihrer kleinen Kinder gefährdet und sie auch noch für den Rest ihres Daseins in den Zeugenschutz schickt? Für ein paar Drogendealer? No way!

Die Figur des Kommissars Ewert Grens ist typisch für schwedische Krimis, aber dennoch originell. Bei ihm gehen Handlungsweise und optische Erscheinung eine ideale Symbiose ein. Grens ist durch einen Vorfall in seiner Vergangenheit belastet. Er ist psychisch und physisch ein Wrack, das vorzugsweise auf dem Boden seines Büros nächtigt, unsozial (um nicht zu sagen asozial) zu seinen Kollegen und Chefs, kurzum er ist ... interessant. Und trotz seiner Eigenheiten ist er glaubwürdig und irgendwie liebenswert, denn er ist ehrlich, geradeheraus und nicht um seinen eigenen Vorteil bemüht. Kurzum, in der deutschen Politik wäre er undenkbar, in der schwedischen Kriminalistik ist er – aus deutscher (Leser)Sicht dagegen - ideal plaziert. Seine Motivationslage ist für jeden Leser spätestens seit Mankell sofort verständlich, auch wenn sie intellektuell vollkommen absurd ist.

Die übrigen Figuren bleiben blass. Ein echter Anthagonist fehlt leider, da Piet Hoffman nur scheinbar der Gegenspieler des Kommissars ist. Tatsächlich sind beide Figuren Protagonisten, die gegen einen weitgegehend unsichtbaren Gegner kämpfen.

Ein echter Anthagonist, sei es auf Seiten der korrumpierten Justiz oder auf Seiten der polnischen Mafia hätte dem Konfliktpotenzial der Story gut getan.

Sprache/Duktus:
Ich kann nur die englische Übersetzung und nicht das schwedische Original bewerten. Die Bildhaftigkeit der Sprache bedient gut die Vorstellungskraft des Lesers. Besonders eindrucksvoll gelungen sind die Gefängnisszenen und die Schilderung des Kommissars. Das Vokabular ist schwedentypisch dunkel, karg und hart, die Sprachkomplexität ist thrillertypisch eher einfach. Die ersten 40% des Textes sind für meinen Geschmack zu aus- und abschweifend geraten. In der zweiten Hälfte wird parallel zur Handlung auch die Sprache schneller und dichter.

Script-Doctor:
Was hätte man anders machen können? Da das Mäkeln eine ebenso leichte wie beliebte Tätigkeit ist, anbei ein kreativer Vorschlag: Man könnte zB die Figur des getöteten 2. V-Mannes aufwerten. Es könnte sich um den Mentor von Piet Hoffman handeln, der ihn einst angeworben und angelernt hat. Eine Vaterfigur, als Ersatz für einen Vater, den er so nie gehabt hat. Machen wir aus ihm alternativ den Vater seiner Frau (er hat sie über den Kontakt kennengelernt), dann hätte Piet ein persönliches Anliegen (Rache), seine Opferbereitschaft würde nachvollziehbar und auch seine Frau würde die lebensgefährliche Aktion leichter mittragen.

Fazit:
‚Three Seconds’ ist ein Thriller mit einem ungewöhnlichen und einfallsreichen Plot. Alle notwendigen Elemente für einen spannungsreichen Roman sind gegeben, sie werden jedoch nicht alle optimal eingesetzt. Die stärksten Szenen des Romans spielen im Gefängnis. Die Klaustrophie und die Ausweglosigkeit der Örtlichkeit korrespondieren exzellent mit der Handlung und der geschilderten Stimmungslage der Hauptfigur. Schwächen hat der Roman auf den ersten 40%. Hier ist der Text zu lang geraten, die Handlung ist nicht zwingend genug und die Motivlage der Hauptfigur ist nicht ausreichend nachvollziehbar. So verschenkt der intelligent und aufwendig konstruierte Roman viel von seinen Möglichkeiten. ‚Three Seconds’ ist dennoch lesenswert und thematisch hochaktuell. Der Einsatz von V-Leuten, das hiermit verbundene Manipulieren von Akten und nicht zuletzt die plötzliche bürokratische Amnesie, wenn etwas schief geht, ist auch hierzulande ein beliebter Freizeitsport der Ermittlungsorgane. Wir erinnern uns an die geschredderten Akten des Vefassungsschutzens angesichts des NSU-Debakels. Darüber spannende Stories mit einem ‚moral appeal’ zu schreiben, das haben uns die Skandinavier allerdings voraus.

Subjektive Bewertung:
2-3 Sterne (von max. 5)

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