Montag, 29. Oktober 2012

Wie beginnt man einen Roman? – Bsp.: ‚Das Geräusch des Werdens’ von Aléa Torik.



Bildquelle:: Amazon.de / Osburg Verlag

„Marijan saß auf einem Stuhl einen halben Meter unter der Meeresoberfläche. Er spürte einen Anflug von Panik. Musste er als Nächstes ein- oder ausatmen? Oder etwas dazwischen? Ertrank man? Musste man das tun oder konnte man es einfach unterlassen? Er wollte schreien, aber er konnte den Mund nicht öffnen. Es war warm. Ihm war kalt. Er schwitzte. Er fror. Er erstickte und ertrank. Das war ein erbärmlicher Zustand und das Erbärmlichste war, dass Leonie meinte, es sei lediglich Lampenfieber und er stürbe nicht wirklich.“ (Aléa Torik, Das Geräusch des Werdens)

Ein brillanter Einstieg in den Roman. Die Autorin erschafft Dank ihrer erlebbaren Sprache ein Bild, das den Leser in eine bedrohliche physische Welt entführt, die sich erst im letzten Satz des Absatzes als metaphysisch, also als nicht mit den Sinnen erfassbar, entpuppt. Das Spiel mit Gegensätzen und einer Sprache, die scheinbar nicht zum Bild passt (‚Ertrank man? Musste man das tun ...“ und nicht zu vergessen der Titel „Das Geräusch des Werdens“) erzeugt einen interessanten absurd-ironischen Grundton. Kurzum – der Einstieg macht neugierig, nein, gierig nach mehr.

Der Roman ist eine Empfehlung für Sprachinteressierte und auch das Blog der Autorin ist ein Genuss – nicht nur sprachlich, sondern auch im Hinblick auf die existenziellen Betrachtungen einer Schreibenden. Hier findet sich auch eine ausführliche Leseprobe des Romans. Ein zweites Buch ist in Vorbereitung und wird Anfang 2013 erscheinen. Ich bin nicht nur auf den Anfang gespannt.

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