Freitag, 16. November 2012

Rezension – ‚Dein Wille geschehe’ von Michael Robotham (engl. Titel ‚Shatter’)



Bildquelle: Amazon.de / Goldmann
Genre:
Psycho-Thriller.

Umfang:
Ca. 592 Seiten Seiten (TB).

Serie: Ja (um den Psychologie-Professor Joe O'Loughlin)

Inhalt:
Prof. Joe O'Loughlin wird von der Polizei gebeten, sie zu einer potenziellen Selbstmörderin zu begleiten, die nackt auf einer Brücke steht und allem Anschein nach die Absicht hat, in die Tiefe zu springen. Auf der Brücke angekommen, versucht O'Loughlin mit der Frau zu sprechen – vergeblich. Sie spricht mit jemandem über ihr Handy und springt. Während die Polizei den Fall als klassischen Selbstmord behandelt, sind die Umstände für O'Loughlin verdächtig. O'Loughlin spricht mit der Tochter der Selbstmörderin und bittet schließlich seinen Freund, den ehemaligen Detective Ruiz gemeinsam mit ihm die Umstände zu ermitteln. Erst als es ihnen gelingt, erste Indizien für eine Fremdeinwirkung beizubringen, ist die leitende Kriminalbeamtin bereit, sich in den Fall einzuschalten. Sie bittet O'Loughlin um Mithilfe. Als eine weitere junge Frau aus dem Bekanntenkreis des 1. Opfers unter ähnlichen Umständen ums Leben kommt, ist klar, dass ein Serientäter im Spiel ist, dem es gelingt, durch die Vorspiegelung einer Kindesentführung die Frauen per Handy in den Suizid zu treiben. Was zunächst unglaublich erscheint, bringt das Ermittlerteam schließlich auf die Spur eines ehemaligen Verhör- und Folterexperten des britischen Militärgeheimdienstes. Als O'Loughlin sich per TV an den Täter wendet, dreht dieser den Spieß um und entführt die Tochter des Psychologen. Diesmal allerdings tatsächlich. Diese Entwicklung bringt den unter Parkinson leidenden Professor an die Grenzen seiner Kräfte. Der Täter spielt mit den Ängsten seines Gegenspielers, um seine eigenen Ziele durchzusetzen. 

Perspektive:
Die Wahl der Erzählperspektiven ist ausgesprochen ungewöhnlich: Der Autor verwendet den Ich-Erzähler, allerdings aus zwei verschiedenen Perspektiven, derjenigen des Protagonisten und jener des Antagonisten. Mögliche Verwirrungen des Lesers werden durch die Absetzung der Antagonisten-Textteile in kursiver Schrift vermieden. Der nicht ungefährliche technische Trick des Autors gelingt: der Leser fühlt sich in beiden Perspektiven zu Hause, was auch daran liegt, dass selbst der Antagonist aufgrund seiner persönlichen Lage empathiefähig ist – trotz seiner perfiden Grausamkeit. Für Autoren ist das Studium dieses Ansatzes am vorliegenden Beispiel durchaus lehrreich.

Erzählzeit:
Präsenz. Kombiniert mit der Ich-Perpektive erreicht der Autor hiermit ein Maximum an Unmittelbarkeit. Absolut gelungen.

Setting:
London. Das Kopfkino wird durch die gelungene Metaphorik (s. Sprache) gut bedient. Landschaft, Häuser und die klimatischen Verhältnisse korrrespondieren gut mit der Situation der Figuren.

Struktur und Spannungsbogen:
Alles steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit des auslösenden Ereignisses. Das ist der Knackpunkt, der diese Story entweder zur Lachnummer macht oder den Leser auf einen Trip durch seine größten psychischen Ängste und Schwachstellen schickt. Und das ist die Frage: Ist es realistisch, – dass ein völlig Fremder per Telefon eine selbstbewusste moderne Frau dazu bringt, nackt durch die Stadt zu laufen, sich selbst als Hure zu demütigen und sich anschließend auf grausamste Weise selbst zu töten? Und das alles, indem ihr vom Täter suggeriert wird, dass sie ihr Kind durch ihren ‚Freitod’ retten kann. Der Mutter wird dabei kein Beweis der Entführung vorgelegt, der Täter behauptet lediglich, dass das Kind in seiner Gewalt ist, indem er Details aus seinem Leben nennt, die er vorher in Erfahrung gebracht hat und die vermeintlich nur das Kind kennt. Eine Kontaktaufnahme mit dem Kind unterbindet der Täter. In anderen Worten: Wie weit kann man einen Menschen treiben, indem man seine größte kompromisslose (weil angeborene) Schwäche ausnutzt – die Mutterliebe und die damit einhergehende Opferbereitschaft?

Robotham geht sehr geschickt vor, indem er den Protagonisten und seine Frau ebenfalls mit zwei Töchtern ausstattet und en détail ihre Beziehung zu den Kindern ausleuchtet. Man merkt deutlich, dass der Autor selbst drei Töchter hat. Dazu kommt, dass der Protagonist als Psychologe entsprechende Hinweise gibt und der Background des Täters als Verhörexperte weitere Steine für das Fundament der Story liefert.

Für einen Mann ohne Kinder schrammt der Plot knapp an der Unglaubwürdigkeit vorbei. Für Leserinnen (also die Mehrheit) ist der Plot mit Sicherheit hochspannend und aufgrund der plastischen sexuellen Drohungen des Antagonisten bisweilen sicher auch belastend. Es ist definitiv keine Lektüre, die man seinen Töchtern vorlesen kann.

Der Plot ist over all sehr professionell gestrickt. Eine der wenigen Schwächen ist aus meiner Sicht, dass der Täter sehr früh identifiziert wird, wodurch die Story von einem Whodunit-Krimi zu einem reinen Thriller wird. Zumindest ein Alternativtäter (zB der Chef des Protagonisten) mit den entsprechenden Twists hätte zusätzliches Spannungspotenzial bereit gehalten. Auch das Motiv des Täters hätte man erst nahe der Klimax offenbaren müssen. Ich hätte sein Motiv auch stärker formuliert. Dass jemand, dem die Ex-Frau das Kind wegenommen hat, die früheren Freundinnen der Frau in den Tod treibt, obwohl sie mit dem Vorgang gar nichts zu tun haben, ist grenzwertig.

Die Klimax selbst ist dagegen sehr gelungen. Es ist eine Alles-oder-Nichts – Situation mit hohem zeitlichem Druck. Wie aus dem Lehrbuch.

Charaktere:
Prof. Joe O'Loughlin (Prot.): Die Figur ist außergewöhnlich tief und originell angelegt. O'Loughlin leidet wie ein Tier an seiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung. Er taumelt geradezu durch die Geschichte, physisch wie psychisch. Er hat Angst, seine Frau zu verlieren, die Karriere macht, seit er sich mit der Rolle des Hausmanns begnügen muss. Seine Frau wiederum neidet ihm die Nähe, die er zu seinen Töchtern aufgebaut hat. Dazu kommt die Belastung der Beziehung durch den Fall. O'Loughlin hatte seine Familie schon einmal durch eine Ermittlung in Gefahr gebracht und seine Frau setzt ihn unter Druck, den Fall abzugeben. Andererseits fühlt sich O'Loughlin schuldig, weil es ihnm nicht gelungen ist, die Frau vom Sprung in die Tiefe abzuhalten. Der Protagonist befindet sich also in einem starken persönlichen Konflikt.
Gideon Tyler (Antagon.): Auch Gideon ist ein Leidender. Er leidet unter dem Entzug von seiner Tochter. Seine kontrollsüchtige, krankhafte Persönlichkeitsstruktur und sein Frauenhass machen ihn in den Augen des Lesers zum Schuldigen. Dennoch ist auch diese Figur nicht eindimensional. Man ahnt, dass Gideon sich um sein Kund genauso sorgt wie die Frauen, die er in den Tod treibt. Seine Kriegserlebnisse scheinen einen erheblichen Anteil an seinem Verhalten zu haben. Dass die Armee versucht, den Fall zu vertuschen, lässt den wahren Schuldigen hervortreten. Die Figur enthält auch Ungereimtheiten. Dass jemand, der so an seiner Tochter hängt, ein anderes Mädchen entführt und ängstigt, ist schwer vorstellbar.
Veronica Cray: Die Ermittlungsleiterin. Eine Lesbe, die wie ein Feldherr ihre Truppen befehligt und die Joe O'Loughlin gegen den Willen ihres Old School – Chefs in die Ermittlung integriert.
Ruiz: Ein Ex-Cop, der optisch und von seinem Verhalten her mit einem Grizzly zu vergleichen ist. Harte Schale, aber ein herzensguter Kern. Seit er O'Loughlin in einem früheren Fall irrtümlich als Täter festsetzte, sind die beiden beste Freunde.

Die Hauptfiguren sind originell bis seltsam und trotzdem glaubwürdig, auch wenn sie nicht ganz frei von Klischees sind.

Sprache/Duktus:
Das sprachliche Niveau ist für das Genre überdurchschnittlich. Insbesondere die ausgefallenen Metaphern fallen ins Auge. Allein ihre hohe Frequenz ist ein Kritikpunkt. Das einzelne Bild verliert in der Menge an Kraft.

Die Dialoge sind eine weitere Stärke des Romans. Viele emotionale Feinheiten der Figuren erschließen sich im Gespräch und im Verhalten, ohne dass sie explizit (und platt) vom Autor benannt werden müssen.

Ein Kritikpunkt ist, dass der Autor eine durchgehend sehr kühle Sprache verwendet, die im Gegensatz zur aufgewühlten emotionalen Verfassung der Figuren steht. Der Gegensatz hat auch seinen Reiz, und ich bin kein Freund von der massenhaften Verwendung von Adjektiven und Adverbien, aber eine Idee mehr wäre vertretbar gewesen. Aber das ist Geschmackssache.

Zitate:
Rückblick-Szene: Der Protagonist hatte unwissentlich einen Urlaub für sich und seine schwangere Frau (Julienne) in einer Nudisten-Ferienanlage in Jamaika gebucht. Am Strand müssen sie sich ausziehen.

„Julienne hätte mich umbringen sollen. Stattdessen ist sie in Gelächter ausgebrochen. Sie hat so heftig gelacht, dass ich befürchtete, ihre Fruchtblase könne platzen und unser erstes Kind könnte von einem Jamaikaner namens ‚Tripod’ mit nichts außer Sonnenmilch auf der Haut auf die Welt gebracht werden ...“

Ein Bsp. für ein ausgefallenes und nachhaltiges Bild:
„An der Wäscheleine flattert ein vergessenes Handtuch wie eine Hand, die niemandem zuwinkt.“

Fazit:
‚Dein Wille geschehe’ ist ein harter und sprachlich überdurchschnittlicher Psychothriller mit originellen Figuren, der insbesondere für Leserinnen an die Grenzen geht. Ob der ausgefallene Plot in den Augen der LeserInnen als realistisch ‚durchgeht’, dürfte insbesondere von der persönlichen Lebenssituation abhängen. Wer Kinder, insbesondere Töchter, hat, lernt Grenzbereiche der psychischen Manipulation kennen, die mit Sicherheit Eindruck hinterlassen. Für viele Männer ohne Nachwuchs mögen die Handlungsweisen der weiblichen Opfer weniger nachvollziehbar sein. Schwächen hat das Buch im Bereich der Motivation des Antagonisten, die zu weit hergeholt ist. Ein paar zusätzliche Unwägbarkeiten und Twists hätten noch eingebaut werden können, um das Spannungspotenzial auf mehrere Säulen zu stellen.

Subjektive Bewertung:
3-4 Sterne (von max. 5)

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