Sonntag, 11. November 2012

Rezension – ‚Die Larve’ (Thriller) von Jo Nesbø (€ 10,99.-, TB)



Bildquelle: Amazon.de / Ullstein
Genre:
Thriller.

Umfang:
Ca. 561 Seiten (Taschenbuch)

Serie:
Ja (Harry Hole Nr. 9).

Inhalt:
Der ehemalige Ermittler Harry Hole kehrt aus seinem selbstgewählten Exil in Hongkong nach Oslo zurück, weil der Sohn (Oleg) seiner großen Liebe wegen Mordverdachts festgenommen wurde. Der Mord ist das auslösende Ereignis für die nun folgende Whodunit-Story. Harry versucht die Unschuld des jungen Drogenabhängigen zu beweisen, er kann hierbei auf seine inoffiziellen Kontakte zu ehemaligen Kollegen zurückgreifen. Schnell stellt sich heraus, dass die Drogenszene von Oslo mittlerweile in der Hand einer Gang ist, die eine hochpotente künstlich hergestellte Droge namens Violin vertreibt. Oleg war zusammen mit dem Mordopfer für den Paten der Organisation als Dealer tätig. Der Pate wird von einer ehrgeizigen Politikerin und Polizeikräften unterstützt, da sich durch das Drogenmonopol und die im Vergleich zu Heroin geringere Mortalitätsrate der Anhängigen die sichtbare Kriminalität verringert hat, was ihnen politisch nützt. Als sich Harry in die Ermittlungen einschaltet und ein Drogenkurier als Kronzeuge aussagen will, wird der Pate nervös. Auf Harry wird ein Killer angesetzt und auch Oleg gerät ins Fadenkreuz der Organisation. Harry kann das Versteck des Paten schließlich aufspüren, doch der paranoide Gangster hat vorgesorgt. 

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven der wichtigsten Figuren. Die Wechsel finden nach keinem festen Muster statt, zT wird sogar innerhalb von Szenen absatzweise eine neue Perspektive eingenommen. Aufgrund der Vielzahl der Perspektiven, zu denen amüsanterweise auch jene einer Ratte gehört und der hohen Wechselfrequenz, ist es nicht ganz einfach, den Überblick zu behalten. Zu den personalen Perspektiven kommt ein Ich-Erzähler hinzu, dessen Textteile jedoch kursiv gekennzeichnet sind. Der Ich-Erzähler ist zum Zeitpunkt der Haupthandlung bereits tot. Sounds complicated? It is!

Erzählzeit:
Vergangenheit – jedoch wird mit unterschiedlichen zeitlichen Ebenen gearbeitet. Das Buch beginnt mit einem längeren Absatz aus der Sicht der Ratte. Dieser Absatz setzt zeitlich am Ende der Haupthandlung des Romans an. Das ist allerdings erst in einem der letzten Kapitel festzustellen. Danach beginnt der Ich-Erzähler, der im Sterben liegt, mit einem Rückblick auf sein Dasein als Junkie und auf die Drogenszene. Sein Tod ist das auslösende Ereignis der Haupthandlung. Im Verlauf des Romans wird immer wieder auf den Ich-Erzähler umgeschaltet. Das ist anfangs durchaus verwirrend, denn wer erwartet schon, dass während der Aufklärung des Mordes immer wieder das Mordopfer ‚zu Wort kommt’. Die abgesetzte Schrift hilft jedoch dabei, die Übersicht zu behalten und nach einigen Kapiteln gewöhnt man sich an diesen für einen Thriller ungewöhnlichen Erzählansatz. Das Spiel mit den Perspektiven und Zeitebenen macht für mich einen Großteil des Reizes dieses Romans aus. Ich kann mir vorstellen, dass viele Leser jedoch hiervon abgeschreckt werden.

Setting:
Geogr.: Oslo.
Inhaltlich spielt sich ein erheblicher Teil der Handlung in der Junkieszene von Oslo ab.

Struktur und Spannungsbogen:
Der Roman startet auf der Handlungsebene relativ langsam. Auch die Sorge um den vermeintlich unschuldig im Gefängnis sitzenden Oleg, der für Harry eine Art Ziehsohn ist, hat kaum Spannungseffekte, da Oleg nur über ein geringes Empathiepotenzial für den Leser verfügt. Er wird größtenteils aus der Sicht von Harry und Gusto (Mordopfer) geschildert und seine persönliche Seite, die über die Junkierolle hinausgeht, bleibt oberflächlich. Spannung durch Action ergibt sich erst nach gut 200 Seiten, als Harry das Konglomerat aus Drogensumpf und polizeilicher/politischer Korruption so aufgemischt hat, dass er zunehmend ins Visier der Gangster und ihrer Unterstützer gerät. Die Sorge um den empathiefähigen Protagonisten, der in zahlreiche gefährliche Situationen gerät und der sich auf einer Art privatem Sühnefeldzug befindet, führt schließlich zu einem guten Spannungslevel. Die zweite Hälfte des Romans ist definitiv stärker, aber das Ausharren lohnt sich. Insbesondere die Klimax mit einer Noir-Auflösung ist herausragend.

Hauptcharaktere:
Harry Hole: Protagonist, Ex-Junkie, Ex-Alkoholiker, Ex-Bulle, Ex-Lover, Ex-(Fast-)Vater. Harry’s Leben ist EX. Er ist körperlich durch eine Narbe im Gesicht entstellt und sein Drang in die selbstzerstörerische Sucht ist immer noch ungebrochen. Was ihn aufrecht erhält, ist einzig seine Liebe zu seiner ehemaligen Lebensgefährtin und der Wunsch, an ihr und Gero etwas gut zu machen von der Schuld, die er sich aufgeladen hat, als er sie vor Jahren verließ, um sich in Hongkong zu verkriechen. Schließlich entscheidet sich Rachel, ihm noch eine Chance zu geben und dieses Licht am Ende des Tunnels, in dem sich Harry befindet, treibt ihn an und lässt den Leser hoffen. Harry hat trotz oder gerade wegen seiner Laster und seines ehrlichen und selbstlosen Kerns ein außergewöhnlich hohes Empathiepotenzial – selbst wenn die Nr. 9 der erste Harry Hole – Roman ist, den man liest. Die Figur ist unverwechselbar und hat charakterliche Tiefe. Sie trägt den ganzen Roman.
Gusto: Junkie, zeitweise Kronprinz des Paten, er führt den Leser in die Welt der Drogen ein. Die Sucht und die Verschiebung der eigenen Prioritäten, bis nur noch der nächste Schuss zählt und selbst Freunde zur Ware werden, wird aus der Gusto-Perspektive ausführlich dargestellt. Was mir an dieser Stelle fehlt, ist die emotionale Tiefe. Was Harry überreichlich hat, haben Gusto und Gero zu wenig, um den Leser mitfühlen zu lassen, was es heißt, süchtig zu sein. Insbesondere die Ebene des körperlichen und geistigen Verfalls und auf der anderen Seite die durch die Droge im Rausch erreichte extreme Sensitivität, die Explosion der Wahrnehmung  - all dies kommt zu kurz. Leider, denn der Ich-Erzähler Gusto bietet formal ja gerade die Chance, mitzuerleben.
Gero:Sohn von Harry’s Liebe, Junkie, Gustos engster Freund, selbst verliebt in eine Drogensüchtige, bleibt zu blass
Ataman: Antagonist, Pate, der Mann, der die Fäden zieht, hat Originalität, kommt aber in der Story zu kurz
Tord Schultz: Kurier, Pilot, bietet sich als Kronzeuge an, kommt nur am Anfang vor
Truls Berntsen: rechte Hand des Chefs des Dezernats für Organisierte Kriminalität, arbeitet mit Ataman zusammen, um sich zu bereichern, Muskelmann, hat überraschend hohe Storyanteile
Mikael Bellman: Chefs des Dezernats für Organisierte Kriminalität, Aufsteiger, intelligenter aalglatter Manipulator, will Kriminaldirektor werden, kooperiert mit Ataman, interessante Figur
Isabelle Skojen: politische Aufsteigerin, ‚Cougar’, eine der stärkeren Figuren mit viel Originalität, spielt mit den Männern, kooperiert mit Ataman und Bellman
Die übrigen Figuren sind Nebendarsteller.
Wer die Serie kennt, ist mit einigen der Figuren bereits vertraut, so dass der Autor auf detailreiche Charakterisierungen verzichten kann.

Sprache/Duktus:
Skandinavisch schnörkellos. Etwas mehr Emotionalität hätte den Junkieszenen gut getan. In den Harry Hole – Szenen ist die Verbalisierung dagegen herausragend. Großes Kino - man sieht, riecht, fühlt und leidet mit.

Fazit:
Ich finde die Anlage des Romans für einen Thriller recht anspruchsvoll und interessant. Die formale Ausgestaltung lässt über die Spannungsdefizite auf den ersten 200 Seiten hinweg sehen. Zum Ende hin wird der Plot deutlich besser. Das Spiel mit Harry’s auswegloser Situation, seinem körperlichen Verfall und dem kleinen Funken Hoffnung am Horizont gelingt dem Autor hervorragend. Es gibt genügend Twists, um vom wahren Täter abzulenken, bis er sich im unausweichlichen Finale offenbart und Harry zu einer Alles-oder-Nichts – Entscheidung nötigt. Ich finde den Roman nicht ganz so stark wie seinen Vorgänger ‚Leopard’, aber er ist dennoch hochprofessionell und liegt über dem Durchschnitt der Konkurrenz. Der deutsche Titel ‚Larve’ ist dagegen genauso sinnfrei wie das hübsche Coverbild.

Harry Hole nimmt auf der ewigen Bestenliste von Amazon in Deutschland nur den 8. Platz ein. International ist ‚Larve’ (engl. ‚Phantom’) lt. Nesbø’s Website bereits auf Platz 1 der Charts geklettert. Ein interessanter Artikel zur aktuellen Krimi-Szene findet sich hier.

Subjektive Bewertung:
Aufgrund des gelungenen Finales: 4 Sterne (von max. 5).

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