Donnerstag, 22. November 2012

Rezension – ‚Tage der Toten’ von Don Winslow (Orig.: ‚The Power of the Dog’)



Bildquelle: Amazon.de / Suhrkamp
Genre:
Politthriller (im weitesten Sinne).

Umfang:
Ca. 689 Seiten (TB).

Serie:
Nein.

Inhalt:
Der Drogenfahnder Art Keller kämpft im Auftrag der USA gegen die Drogenkartelle in Mexiko. Als es ihm gelingt, einen der alten Paten auszuschalten, ebnet er damit unwissentlich seinem ehemaligen Verbündeten, dem Leiter des mexikanischen Geheimdienstes und seinen Neffen den Weg, ein noch mächtigeres Drogensyndikat ins Leben zu rufen. Nicht nur die Paten und der von ihnen bestochene mexikanische Polizeiapparat erweisen sich als nahezu unüberwindliche Gegner, auch die eigene Regierung macht mit den Kartellen gemeinsame Sache, um sich ihrer Unterstützung im Kampf gegen kommunistische Strömungen in Südamerika zu versichern. Unterstützung erhält Keller schließlich von unerwarteter Seite und erstmals scheinen die Kartelle ins Wanken zu geraten. 

Perspektive:
Personale Perspektiven unterschiedlicher Figuren sowie längere auktoriale Passagen. Die kaum abgesetzten Perspektivwechsel irritieren zeitweise. Darüber hinaus gewinnt der Leser hierdurch einen Abstand zu den Figuren, der das emtotionale Miterleben aus der Story heraus schwer macht. Andererseits passt dieses Stilmittel zum dokumentarischen Charakter des Romans.

Erzählzeit:
Präsenz mit zahlreichen im Präteritum geschilderten Rückblenden.

Setting:
Grenzgebiet von Mexiko zur USA, Kalifornien (insb. San Diego), New York, Kolumbien.

Struktur und Spannungsbogen:
Winslow schildert den Drogenkrieg der USA und Mexiko anhand der Karrieren einiger Beteiligter auf unterschiedlichen Seiten, die sich im Laufe der Geschichte vermischen und neu miteinander oder gegeneinander positionieren. Winslow deckt dabei einen Zeitraum von etwa 30 Jahren ab. Der Prolog greift in das Jahr 1997 vor und schildert ein besonders brutales Ereignis, das Art Keller indirekt mit seinen nicht immer sauberen Mitteln verursacht hat. Die eigentliche Geschichte startet dann im Jahre 1975 und schildert den Aufstieg und Fall der Akteure in mehreren im Verlauf immer mehr verflochtenen Sub-Stories bis zum finalen Showdown im Jahr 1999. Der Epilog beleuchtet Art Kellers Schicksal einige Jahre (2004) nach der Klimax.

Die Anlage des Romans ist in ihrer Komplexität vergleichbar mit Mario Puzos Mafia-Epos ‚Der Pate’, der Fokus von Don Winslow ist jedoch vollkommen unterschiedlich. Es geht ihm nicht um den Aufstieg und Fall einer Dynastie von Drogenbaronen, sondern um die nahezu dokumentarische Aufzeichnung der Interaktion der zahlreichen Stakeholder im Drogenkrieg und ihre im Zeitablauf wechselnden Ziele und Bündnisse. Wer sich ein wenig mit der Materie auskennt, wird eine ganze Reihe tatsächlicher Vorfälle und Anleihen bei realen Personen der Zeitgeschichte finden. Insofern – auch wenn Winslow nicht explizit darauf hinweist – hat der Roman True Crime – Qualitäten und der fast journalistische Sprachstil passt ideal zu diesem (ungenannten) Anspruch. Spannung ergibt sich deshalb weniger aus den Einzelschicksalen und der Sorge des Lesers um ‚die Guten’, stattdessen sind die Verwicklungen der verschiedenen Interessengruppen im Drogenkrieg hochspannend und man hat jederzeit das Gefühl, eben nicht einen Fall von Fiktion vor sich zu haben, sondern reale Geschichte – also True Crime, mit einer starken Überschneidung von Kriminalität, Polizeiarbeit und Politik und den tatsächlich Leidtragenden, der Zivilbevölkerung, die immer den Kürzeren zieht, ganz unabhängig davon, wer gerade an der Macht ist.

Winslow wählt für sein Epos einen cleveren Ansatz, indem er seinen Figuren Zeit gibt, mit der Story zu wachsen. Wir haben nicht einen Paten auf dem Höhepunkt seiner Macht vor uns, dem sich ein Held entgegenstellt, sondern wir beobachten sehr detailgetreu, wie sich die Akteure mal geplant, mal zufällig von kleinsten Anfängen entwickeln, aufeinandertreffen, trennen und in neuen Paarungen wiederfinden. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen sich zunehmend, selbst der Protagonist greift schließlich, nachdem sein Kollege gefoltert und getötet wurde, zu Mitteln, die sich jenen seiner Gegner annähern.

‚Tage der Toten’ ist ein ungeheuer realistischer, exzellent recherchierter und drastisch-brutaler Roman, der vor allem deswegen so bedrohlich wirkt, weil wir wissen, oder zumindest ahnen, dass sich die tasächlichen Ereignisse tagtäglich genauso abspielen. Die in jedem US-Wahlkampf wiederkäuten Glaubensbekenntnisse der Politik gegen den Drogenhandel werden im Verlauf des Romans durch immer wieder eingestreute Informationen erodiert, bis sie letztendlich zusammenbrechen und jegliche moralische Rechtfertigung des Kampfes gegen die Dropgen wie Gips zerbröckelt. Die Zielsetzungen der Politiker und Drogenbarone erweisen sich als weitaus kompatibler, als die Ziele der Politik und der sie legitimierenden Bevölkerung (beiderseits der Grenze).

Der Roman lässt den Leser insofern ratlos und neo noir zurück. Jeder verliert und abgesehen von zahllosen Toten wäre das Ergebnis genauso, wenn man sich die dreißig Jahre Drogenkrieg gespart hätte. Es gäbe genauso viele Drogentote in den USA, die Gangs würden sich in Mexiko gegenseitig genauso abschlachten, und die Bevölkerung, insbesondere die Campesinos, würden genauso ausgebeutet werden. Nun gut – die Preise für Drogen wären geringer, wodurch die Einnahmen der Drogenbarone sinken würden (gleiche Absatzmengen vorausgesetzt). Ist Nichtstun – der Albtraum jedes selbstinzenierungverliebten Politikers -  die bessere Option? Winslow gibt dem Leser keine eindeutige Antwort, aber das ist auch nicht seine Aufgabe als Romancier. Er gibt uns eine neue Perspektive auf die Realität und das gelingt ihm in vorzüglicher Weise.

Charaktere:
Der Roman enthält eine Vielzahl von Figuren, die annähernd gleichberechtigt nebeneinander stehen. Jede Figur rsp. Figurengruppe steht für einen Stakeholder im Drogenkonflikt. Der Vorteil dieser Methode ist offensichtlich: der Autor ist in der Lage, ein sehr komplexes Beziehungsgeflecht abzubilden, das das Kernthema über eine Periode von immerhin 30 Jahren abbildet. Die wichtigsten Figuren werden von ihren Anfängen im Drogen-Business bis zum Höhepunkt ihrer Macht und dem anschließenden Machtverfall begleitet. Über die Beziehungen zu den Nebenfiguren und der Intergation der Figuren in reale historische Bezüge entsteht ein nahezu komplettes und für den Leser nachvollziehbares Bild. Fans von knorrigen Ermittlern à la Wallander wird der Roman dennoch irritieren. Die Komplexität des Figurenkabinetts und auch die sprachlichen Mittel verhindern, dass man mit einem der Akteure wirklich warm wird. Es geht dem Autor eindeutig mehr um ein möglichst getreues Abbild der tatsächlichen Verhältnisse, als um das persönliche Miterleben der tragischen Entwicklungen einzelner Figuren durch den Leser. Auch das Empathiepotenzial der positiv beginnenden Charaktere (zB des Protagonisten) ist begrenzt, da negativ besetzte persönliche Entwicklungen zu einem Wertewandel führen. Private Rachemotive durchsetzen im Plotverlauf selbst die scheinbar unschuldigen Figuren. Die Identifikation mit den Charakteren wird zudem durch die ständig wechselnden Perspektiven erschwert. Insbesondere die auktorialen Passagen haben einen fast journalistischen Charakter. ‚Tage der Toten’ ist im Grunde genommen eine True Crime – Doku im Gewand eines fiktionalen Romans.

Die wichtigsten Figuren und ihre Zuordnung:

Art Keller: Protagonist, DEA – Ermittler, lebt von Frau und Kind getrennt, Typ einsamer Wolf mit anfangs hehren Zielen, die zunehmend von Rachemotiven verwässert werden, als sein Freund und Kollege Ernie ermordet wird; er hat Mitleid mit den einfachen Menschen und eckt mit seinen non-konformen Ansichten regelmäßig bei seinen Chefs an; Keller hat etwas von einem ‚Sozialarbeiter’, allerdings einem, der nicht vor Gewalt zurückschreckt.

Miguel Ángel Barrera: Antagonist, Gründer und Lenker des Drogen-Kartells, Ex-Geheimdienstler (mex. DFS), politisch vernetzt, besticht Polizei und Politiker gleichermaßen, Habitus Gentleman-like, arbeitet zu Anfang mit Art Keller zusammen, später erbitterte Feinde, Macho, steht auf (sehr) junge Mädchen, die Frauen sind seine Schwachstelle
Adán Barrera: Neffe von Miguel, löst seinen Onkel als Pate ab, als dieser Crack-süchtig wird, intelligent, Teil der High Society, Familienmensch mit behinderter Tochter, versucht Brutalität zu vermeiden, was ihm immer weniger gelingt; er ist der Prostituierten Nora verfallen und macht sich dadurch angreifbar; kooperiert mit den kolumbianischen Kokain-Kartellen, später auch mit der FARC, Opportunist, die Liebe zu Nora und zu seiner behinderten Tochter sind seine Schwachstellen
Raúl Barrera: Adáns Bruder, brutaler Vollstrecker, die rechte Hand von Àdan

Callan: junger Killer irischer Abstammung, der für einen italienischen Mafioso arbeitet; durch die Kooperation der Mafia mit der CIA arbeitet er später auch als unabhängiger Contract-Killer für die Amerikaner in verschiedenen Krisenregionen und für die mex. Kartelle; er ist eigentlich ein netter Kerl, der in seine Killer-Karriere hineingerutscht ist und versucht, den Absprung zu finden; er verliebt sich in Nora und versucht sie zu schützen
Nora: Edel-Prostituierte, die viele Gangster als Kunden hatte; sie hat eine soziale Ader und ist eine enge Freundin von Erzbischof Juan Parada, nach seiner Ermordung lässt sie sich aus Rache von Art Keller einspannen, um den Barrera Clan zur Strecke zu bringen, Ádan Barrera ist ihr verfallen, sie verliebt sich stattdessen in Canaan, gemeinsam versuchen die beiden vor den Häschern des Kartells zu fliehen

Sal Scachi: CIA-Mann, der eng mit der Mafia und den mexikanischen Kartellen kooperiert, wenn es ‚der Sache’ dient, unterstützt rechte Milizen und Todesschwadronen u. a. in Mexiko, Kolumbien, El Salvador und Nicaragua, Opus Dei - Mitglied, Malteserritter, Vollstrecker von John Hobbs
John Hobbs: CIA, Chef von Scachi, Verbindungsmann zur US-Politik, Kommunistenjäger, nutzt die Drogenkartelle, um rechte Gruppierungen und Terrororganisationen verdeckt zu finanzieren; im Gegenzug schützt er die Kartelle vor behördlichen Nachstellungen

Erzbischof Juan Parada: sozial engagierter Kirchenmann, der die Machenschaften von Politik und Drogenbossen durchschaut; er lässt sich nicht korrumpieren und legt sich mit den Gangstern und seinen kirchlichen Vorgesetzten an, denen Antikommunismus wichtiger ist, als der Schutz der Bevölkerung vor den Banden; die Hure Nora ist seine engste Vertraute; Parada wird vom Kartell ermordet

Sprache/Duktus:
Winslows Erzählstil ist journalistisch geradlinig ohne jeglichen Emotionsbarock. Adjektive und Adverbien werden sparsam eingesetzt. Die Verwendung des Präsenz setzt zudem auf Unmittelbarkeit. Der Satzbau ist genauso hart wie die geschilderten Inhalte. In der deutschen Thrillerlandschaft lassen sich nur wenige sprachlich vergleichbare Texte aus der ‚Hard boiled’ oder ‚Pulp fiction’ – Fraktion finden. US-affine Leser können mit James Ellroy auf einen Großmeister dieses Stils zurückgreifen. Auch inhaltlich finden sich viele Gemeinsamkeiten mit Ellroy (Polizeikorruption, politische Einbettung, True Crime – Ansatz). Dass Ellroy zu den größten Bewunderern Winslows gehört, ist sicher kein Zufall. Ein jüngerer Autor mit einem ähnlichen Sprachstil ist James Frey, dessen Roman ‚Strahlend schöner Morgen’ das angespannte Verhältnis von US-Amerikanern und Mexikanern von einer anderen Perspektive (Einwanderer) angeht, ohne allerdings das gleiche Genre wie Winslow zu bedienen.

Winslows ist (ebenfalls ähnlich wie Ellroy) ein Liebling der Kritiker, weil er das wenig anerkannte Genre der Kriminalliteratur sprachlich und inhaltlich auf eine andere Ebene hebt. Gleichzeitig geht mit Winslows Stil ein Effekt einher, den traditionelle Krimileser nicht schätzen werden: er abstrahiert und distanziert den Leser vom Inhalt. Obwohl viele Passagen ungeheuer brutal sind, bleibt das Mitleiden und Mitängstigen, anders ausgedrückt der persönliche Grusel aus, der für die meisten Krimileser das zentrale Kriterium darstellt. Man beobachtet die Figuren, man lernt auch viel über die (tatsächlichen) Zusammenhänge und Verhältnisse im Drogenkrieg, aber man ist als Leser kein Teil der Story. Hier unterscheidet sich Winslow beispielsweise von Puzzo, dessen Mafia Epos ‚Der Pate’, mit dem ‚Tage der Toten’ zuweilen verglichen wird, zentraler um eine Figur arrondiert wurde, in die man als Leser leichter hineinfindet.

Fazit:
‚Tage der Toten’ spielt ohne Frage in der obersten Liga der Thrillerliteratur, wenn man den Text überhaupt diesem Genre zuordnen möchte. Es ist mE eher kriminelle Zeitgeschichte in Romanform. Die sprachliche Nüchternheit korrespondiert perfekt mit dem Anspruch, in die tatsächlichen kriminellen, politischen und sozialen Abgründe des Drogenkrieges einzutauchen.

Für wen ist der Roman geeignet? Wer sich schon immer gefragt hat, warum die USA Drogenkartelle gleichzeitig fördern und bekämpfen und welche Folgen das verwirrende Zusammenspiel von Politik, Geheimdiensten, Militär, Kartellen, Polizei und Kirche (!) in Mexiko hat, der wird ‚Tage der Toten’ nicht mehr aus der Hand legen.

Viele Fans von traditionellen Serienkiller-Thrillern werden den Roman dagegen als zu trocken und unpersönlich empfinden.

Subjektive Bewertung:
4-5 Sterne (von max. 5)

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