Mittwoch, 19. Dezember 2012

Filmkritik – „Beasts of the Southern Wild“ von Benh Zeitlin



Bildquelle: Abb. des Filmposters auf Wikipedia
(Wikipedia: „Copyright held by the film company or the artist. Claimed as fair use regardless.“)

Genre:
Drama mit Fantasy-Elementen.

Inhalt:
Beasts of the Southern Wild’ beschreibt aus der Perspektive der sechsjährigen Afroamerikanerin Hushpuppy das Leben in einer armen Aussteiger-Kommune, die auf der kleinen Sumpfinsel ‚Bathtub’ vor der US-Golfküste siedelt. Hushpuppy haust zusammen, oder besser neben ihrem Vater in der kleinen Gemeinde, denn jeder der beiden bewohnt ein eigenes aus Schrott zusammengezimmertes Häuschen. Die einzige Art von Erziehung, die der Vater seiner Tochter vermittelt, ist jene zur absoluten Selbständigkeit in einer lebensfeindlichen Umgebung. Als Hushpuppy ihre mit Devotionalien ihrer verschwundenen Mutter vollgestopfte Hütte abfackelt, nimmt der Vater seine kleine Tochter zwar auf, aber er markiert eine Grenzlinie in seiner Hütte, die Hushpuppy nicht überschreiten darf. Seine Fürsorge beschränkt sich auf die Fütterung („Feeding Time!“), die gemeinsam mit den zum Haushalt gehörenden Schweinen, Hühnern und Hunden abgehalten wird. Die Umgangsformen sind rau, man schlägt und schubst sich, wirft mit Gegenständen nacheinander und flucht – Tränen und Zärtlichkeiten sind tabu. Dennoch ist der Vater nicht grausam. Er liebt Hushpuppy auf seine Weise und er weiß, dass die Kleine in der natürlichen und menschlichen Wildnis, die sie umgibt, hart und autark sein muss, um zu überleben.

Hushpuppy ist wild, selbstbewusst und sie fühlt sich der sie umgebenden Natur auf eine fast mystische Weise verbunden. Für sie bestehen keine Grenzen zwischen der sie umgebenden Welt und ihrer Fantasie. Alles ist eins. Hushpuppy sieht sich als kleiner Teil eines großen Universums, in dem alles eng miteinander verbunden ist. Sie beobachtet die Veränderungen in der Natur und bringt sie mit den Legenden der Gemeinschaft in Verbindung, von denen ihr erzählt wurde. Insbesondere die sogenannten Aurochsen, riesige Fabelwesen, die eher wie Wildschweine mit Stoßzähnen aussehen, beleben ihre Fantasie. Sie seien seit der Eiszeit im Eis eingeschlossen, aber wenn das Eis schmelze und die Katastrophe nahe, würden sie nach Bathtub zurückkehren. Die Legende wird für Hushpuppy schneller zur Realität werden, als sie ahnt. 

In der Aussteigergemeinde wird gesoffen, gefeiert und es wird das gefressen, was das brakige Wasser hergibt. Alle Bewohner halten gegenüber der Außenwelt, die sich mit ihren Industriekomplexen hinter einem hohen Damm vor ihrer Wasserwelt verschanzt hat, zusammen. Selbst die sonst in den Südstaaten so präsenten Unterschiede zwischen „White Trash“ und der schwarzen Unterschicht verwischen, wenn man nur gemeinsam überleben kann. Von einer Hippie-Idylle im deutschen 60er-Jahre - Format ist ‚Bathtub’ jedoch weit entfernt. Es ist eine Müllkippe der von der Gesellschaft Vergessenen. Wobei vergessen zu sein im menschlichen Haifischbecken auch überleben zu können für die Ärmsten der Armen bedeuten kann.

Als die Region von einem Wirbelsturm heimgesucht wird, brechen zwar die Hütten der Bathtub’ler zusammen, aber Hushpuppy, ihr Vater und einige andere können den hereinbrechenden Fluten inmitten des verseuchten Wassers trotzen. Dennoch werden die Bewohner von der Regierung zwangsevakuiert, getrennt und in sterilen Hallen untergebracht. Ohne ihre Wurzeln fühlen sich die Bathtub’ler verloren. Hushpuppys Vater erkrankt schwer. Die Bathtub’ler rotten sich zusammen und ihnen gelingt die Flucht. Als sie wieder auf der Insel eintreffen und sich um den sterbenden Vater Hushpuppys versammeln, wird die Legende wahr und die Fabelwesen nähern sich Bathtub. Hushpuppy, die zusammen mit anderen Kindern auf einer schwimmenden Bar namens "Elysian Fields" (in der griech. Mythology der Ort, an dem die Helden nach ihrem Tod einkehren) nach ihrer Mutter gesucht hatte, kehrt rechtzeitig zurück, um sich den Fabeltieren entgegen zu stellen.

Reale Anleihen des Films:
Der Wirbelsturm ‚Katrina’ mit den katastrophalen Überflutungen in Lousiana war eine Inspirationsquelle des Films, eine weitere war die ‚Isle de Jean Charles’, die die geographische Vorlage für die fiktive Insel ‚The Bathtub’ bildete. Der Film wurde an realen Schauplätzen in den Sümpfen von Lousiana gedreht. Ein Großteil des Casts stammt ebenfalls aus der Gegend.

Nice to know:
Der Film wurde mit einem winzigen Budget (ca. 1,8 Mio $) gedreht, das in etwa zwei Tatort-Folgen entspricht. Wer das Ergebnis gesehen hat, fragt sich unwillkürlich, wofür die Tatort-Macher ihre Kohle und – seien wir ehrlich – auch ihr Talent ‚versenken’.
Benh Zeitlin hat ein kleines Friends&Familiy – Team genutzt, um seinen Fim zu realisieren. Er zeichnet u. a. für die Regie, das Drehbuch (zs. mit Lucy Alibar) und die Musik (gem. mit Dan Romer) verantwortlich. Multitasking ist vielleicht eines der Geheimnisse für die Qualität des Films, in dem alle Produktionsteile einander symbiotisch befruchten und nahtlos ineinandergreifen. Der Film hat bis heute mehr als 30 Preise in unterschiedlichen Kategorien gewonnen (s. Wikipedia).

Fazit:
Benh Zeitlin spielt geschickt mit den realen Ereignissen und Orten, an denen sich der Film orientiert, und der fantasiebegabten Erzählweise des kleinen Mädchens Hushpuppy. Er nutzt innere Monologe von seltener Einfachheit und poetischer Schönheit, die im Kontrast zur alles überlagernden Existenznot der Menschen stehen. Das wichtigste Pfund des Films sind jedoch die absolut authentischen Laiendasteller, allen voran Hushpuppy, die an eine Hells Angels - Version des Dschungelkinds Mogli erinnert. Zusammen mit der lebensnahen Kameraführung und der wunderbar die Bilder beflügelnden Musik hat Benh Zeitlin ein kleines Kunstwerk komponiert, das zu Recht die renommierten Wettbewerbe von Cannes und Sundance gewonnen hat. Der Film ist ein Must-see, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Ich empfehle die englischsprachige Originalfassung.

Einen kleinen Vorgeschmack auf den Film geben die toll gestaltete Website mit dem offiziellen Trailer nebst der vom Regisseur selbst komponierten Filmmusik sowie die Rezensionen, die sich geradezu überschlagen – an dieser Stelle sei nur auf den Spiegel und die New York Times verwiesen.

Subjektive Bewertung:
5 Sterne (von max. 5).

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