Samstag, 15. Dezember 2012

Rezension – ‚Das Koma’von Alex Garland (‚The Coma’)



Bildquelle: Amazon.de / Goldmann
Genre:
Psychodrama in Form einer Novelle.

Umfang:
Ca. 160 Seiten (TB).

Inhalt:
Carl wird während der abendlichen Heimfahrt in der U-Bahn Zeuge, wie eine Frau von mehreren Jugendlichen bedrängt wird. Als die Situation eskaliert, geht Carl dazwischen und wird zusammengeschlagen. Erst nach einigen Tagen erwacht er im Krankenhaus. Als er wieder nach Hause entlassen wird, stellt er fest, dass seine Wohnung schon seit längerer Zeit unbewohnt zu sein scheint. Carl wird außerdem von Erinnerungslücken und Sinnestäuschungen gequält. Nichts scheint mehr zu passen. Nach und nach erkennt Carl, dass er sich nicht in der realen Welt befindet, sondern in einer Traumlandschaft. Offenbar ist er nie aus dem Koma erwacht, in das er nach dem Angriff in der U-Bahn gefallen war. Carl sucht nach einem Weg aus seinem Koma. 

Perspektive:
Ich-Erzähler.

Erzählzeit:
Präteritum.

Setting:
Verschiedene Orte in London, die Carl jedoch nur im Traum erlebt. Sie sind – ebenso wie die Erlebnisse - für ihn selbst (und den Leser) so authentisch, dass er nur an kleinen Logikbrüchen feststellen kann, dass es sich um eine gedankliche Simulation handelt.

Struktur und Spannungsbogen:
Ausgehend vom Überfall in der U-Bahn (auslösendes Ereignis) mit anschließender Bewusslosigkeit wird Carls scheinbare Rückkehr in die Realität geschildert. Zuerst kehren einzelne Bilder aus dem Krankenhaus in sein Bewusstsein zurück, dann spricht er mit seinem Pfleger und zwei Polizisten, die ihn zum Überfall befragen. Der Leser folgt Carl auf seinem Weg zurück ins Leben, alles erscheint so, wie man es bei einem Patienten mit einer Gehirnerschütterung erwarten würde. Die Situation wirkt authentisch. Erst als Carl sich wieder in seiner gewohnten Umgebung zu Hause befindet, ergeben sich erste Ungereimtheiten, die Carl zunehmend verunsichert registriert. Der Autor streut geschickt immer neue Episoden ein, die Carl logisch zu deuten versucht. Schließlich erkennt er, dass seine Erlebnisse und Wahrnehmungen nicht real sein können und dass er sich offensichtlich inmitten eines anhaltenden Traumes befindet, aus dem er einen Weg zurück an die Oberfläche seines Bewusstseins finden muss.
Spannung etsteht in Garlands Roman vor allem dadurch, dass der Autor unserer aller Erfahrung mit Scheinrealitäten (Träumen) nutzt, um Carls Situation zu beschreiben. Auch in unseren Träumen agieren wir in voller Überzeugung einer realen Situation, und es sind oft nur einzelne kleine Passagen und Logikbrüche, die in der Rückschau (sofern wir uns überhaupt erinnern) Indizien für einen Traum liefern. Der Protagonist ist darüber hinaus ein Kopfmensch, eine Figur wie ein Banker, jemand, der Träumereien so fern ist , wie nur denkbar – umso bereitwilliger identifiziert sich der Leser mit seinen Schlussfolgerungen und umso bedrohlicher erscheint uns seine ausweglose Situation, als sie sich uns eröffnet. Carl nutzt sein logisches Denkvermögen wie in der Realität, um seine Traumlandschaft auf ihren Realitätsgehalt hin abzuklopfen. Nicht alle Träumereien erweisen sich als bedrohlich. Carl sucht nach „Katalysatoren“, die ihm helfen können, eine Verbindung „nach oben“ zur Realität zu finden und aus dem Koma aufzuwachen. Es gilt, logische Brücken zwischen den lose in Zeit und Raum umherschwebenden Erinnerungsinseln zu errichten. Einige Brücken erweisen sich als Stege ins Nichts (Story-Twists) und bis zum Schluss droht Carl zu scheitern und auf Ewig in der virtuellen Komawelt zu versinken. Garland nutzt geschickt Bilder und akustische Reize wie wirre Wortketten, um diesen Zustand sensitiv auf den Leser zu übertragen. Das Spannungslevel bleibt bis zum Epilog hoch. Der Protagonist muss keine actiongeladenen Science Fiction – Abenteuer bestreiten – die (Schein-)Realität und der Verlust jeglicher Ankerpunkte, an denen man die eigene Existenz festmachen könnte, ist bedrohlich genug. Das Ende der Story führt an den Anfang zurück und vollendet damit den perfekt konstruierten Frame der Novelle.

Charaktere:
Wir sind die Summe unserer Erinnerungen. Den Protagonisten Carl zu charakterisieren, fällt insofern schwer, als er ja gerade seines ‚Ichs’, verlustig gegangen ist. Das, was von Carl im Koma übrig geblieben ist, ist ein ‚Ich-Wille’, ein Überlebensinstinkt, der sich bemüht, die Puzzleteile des ‚Subjekts’ Carl wieder in die richtige Reihenfolge zu bekommen.
Aufgrund dieser Ausgangslage entsteht die Figur Carl erst im Laufe der Geschichte. Wir erleben seine Selbstfindung, seine (Wieder)Geburt aus dem Baukasten seiner Erinnerungen mit. Carl ensteht by the way.
Die Nebenfiguren – die im Verlauf der Geschichte nur in Carls Vorstellungswelt präsent sind – haben kein separates Innenleben, sie dienen Carl als Sparringspartner und markieren Wegpunkte seiner Orientierung auf der Suche nach sich selbst.

Sprache/Duktus:
Wie lässt sich das, was in einem Menschen im Koma vorgeht, sprachlich beschreiben? Garlands Syntax und Verbalisierung ist ruhig und um Rationalität bemüht. Sie steht in starkem Kontrast zum existenziellen Kampf des Protagonisten. Garland verzichtet sowohl sprachlich, als auch inhaltlich auf jegliche dramatische Überhöhung. Die Sprache repräsentiert die (Rest-)Figur, die eine einzige Eigenschaft hat, die ihr einen Weg aus dem Nichts aufzeigen kann: die Logik. Das Koma begegnet dem Leser als eine Art inneres Weltall, in dem sich die Erinnerungen an alles Physische zunehmend verflüchtigen, bis sie sich schließlich ganz auflösen. Das All, auch das innere, ist lautlos, und diese Stimmung transportiert Garland sprachlich überzeugend.
Trotz fehlender Verbalhysterie spürt der Leser die Angst des Protagonisten, sich zu verlieren, er spürt sie zwischen den Zeilen und in sich selbst, denn Carl ist ein Platzhalter für unseren eigenen Kampf um unsere Identität.
Das Kopfkino des Lesers wird zudem durch die holzschnittartigen Bilder von Nicholas Garland, dem Vater des Autors, getriggert, die jedem Kapitel vorangestellt sind. Auch hier dominiert die Reduktion, die Bilder sind in S/W gehalten, alles Individuelle verliert sich.

Fazit:
Alex Garlands literarisches Generalthema ist der Existenzkampf. In Der Strand stellte Garland die Makrosicht der Existenz, die menschliche Gemeinschaft mit ihren Regeln und Werten, in den Mittelpunkt und in Manila analysierte er den physischen Existenzkampf. Mit seinem Roman Das Koma verfolgt Garland diesen Weg konsequent weiter. Nun findet der Existenzkampf auf der geistigen Ebene des Individuums statt. Mit Das Koma ist Garland eine subtile und sprachlich unaufgeregte Novelle über das gelungen, was unser ‚Sein’ ausmacht. Garland schickt seine Leser dabei auf eine traumatische Reise bis an die äußersten Grenzen der Selbstauflösung. Er stößt auf diesem Weg zahlreiche Fragestellungen im Spannungsfeld von Philosophie und Psychologie an, ohne notwendigerweise die Antworten gleich mitzuliefern. Insgesamt ist Das Koma eine virtuos konstruierte Story ins Innere des Seins. LeserInnen aus der Esoterik- und Küchenpsychologieecke werden sich ob der Nüchternheit des Ansatzes entsetzt abwenden.

Subjektive Bewertung:
5 Sterne (von max. 5).

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