Freitag, 21. Dezember 2012

Rezension – ‚Nebenan ein Mädchen von Stefan Kiesbye (Originaltitel: ,Next door lived a girl’)



Bildquelle: Amazon.de / Heyne

Genre:
Jugenddrama im Format einer Novelle. Die häufig zu lesende Zuordnung in die Krimi- oder gar Thrillerkaste dürfte frommen Marketingwünschen geschuldet sein.

Umfang:
Knapp. Sehr knapp. Ca. 200 riesig bedruckte Seiten (TB). Das Hardcover hat gar nur 111 Seiten.

Inhalt:
Der Teenager Moritz lebt mit seiner Familie in der tiefsten norddeutschen Provinz. Es gibt zwei Arbeitgeber im Ort, eine Gummi- und eine Süßwarenfabrik, die der Bevölkerung bescheidenen Wohlstand erlauben, und die die Natur verseuchen. Nach außen geben sich die Bewohner des Spießbürgeridylls wohlanständig, aber hinter den gestutzten Hecken ihrer Vorgärten sieht die Welt anders aus. Die Männer betrinken sich und gehen mit den Nachbarinnen fremd, ihre Ehefrauen vertreiben sich die Zeit mit Inzest und die Kinder organisieren sich in Jugendbanden, die ihre Gegner mit ähnlicher Gnadenlosigkeit massakrieren, wie Kindersoldaten in Ruanda.
Als Moritz und seine Freunde bei einem Einbruch nicht nur die bereits seit Tagen verrottende Leiche der Bewohnerin entdecken, sondern zudem ein behindertes Mädchen auffinden, das von der Mutter als Bastard in einem Verschlag gehalten wurde, ergreifen sie die Chance, sich etwas Zerstreuung zu verschaffen. Sie ‚adoptieren’ das Mädchen und schaffen es in einen verfallenen Bunker, in dem sie es wie ein Haustier halten. Als eine verfeindete Jugendbande das Mädchen entführt, eskaliert die Situation.

Perspektive:
Ich-Erzähler (Moritz). Zusammen mit der Erzählzeit erzeugt der Autor hierdurch ein Maximum an Unmittelbarkeit. Der Protagonist stolpert mehr durch die Ereignisse, als dass er sie reflektiert und wir stolpern mit ihm.

Erzählzeit:
Gegenwart. Das passt perfekt, denn „Beim Aufwachsen lebt man ganz im Heute und ist sich keiner anderen Zeit bewusst.“ (aus einem Interview des Börsenblatts mit dem Autor).

Setting:
Eine fiktive norddeutsche Kleinstadt. Nach außen hin wirkt der Ort idyllisch, doch je genauer man hinsieht, desto aufgesetzter wirkt die Fassade. Die Fabriken verpesten die Luft und das Wasser, der Wald ist von Kriegstrümmern übersät und sobald sich eine Haustür öffnet, tun sich menschliche Abgründe auf. Das Setting korrespondiert perfekt mit der Seelenlage der Bewohner.

Struktur und Spannungsbogen:
Wer einen durchkomponierten Krimi erwartet, in dem sich mehrere Substories schließlich in einem furiosen und befriedigenden Finale entladen, der wird enttäuscht werden. Wir beobachten einen Jugendlichen, der ungeplant sein Schicksal durchlebt. Die titelgebende Substory um das entführte behinderte Mädchen ist nur eine von zahlreichen Momentaufnahmen, die wir miterleben. Es kommt deshalb keine krimitypische Spannung auf, es ist eher das Entsetzen über das Abartige in der Normalität, das den Leser fesselt. Das Schicksal des Protagonisten, oder jenes des behinderten Mädchens, erzeugt dagegen kaum Empathie. Dass das Buch zB in der KrimiWelt-Bestenliste gerankt war, darf man als Marketingaktion abhaken, jedes Buch braucht nun einmal seine Genrezuordnung, um von den Lesern gefunden zu werden. Genre-Grenzgänger gelten in den Verlagen als Lesergift. Dennoch: ‚Nebenan ein Mädchen’ hat abgesehen von den zahllosen kriminellen Taten, die geschildert werden, keine Krimi-Ingredienzien. Niemand versucht, eine Tat aufzuklären (Whodunit-Krimi) oder zu verhindern (Thriller).

Charaktere:
Die Charaktere werden, mit Ausnahme des Protagonisten, nur oberflächlich angerissen. Das ist sicher auch dem Format geschuldet. Man sieht als Leser die Oberfläche der Figur, die stark typisiert ist und dann den Riss in der Fassade. Bsp.: Moritz Mutter wird oberflächlich als zu Gästen freundliche und umgängliche Hausfrau geschildert. Ihre Mutterliebe schlägt jedoch in Inzest um, sobald sie mit ihrem Sohn allein ist. Und selbst in dieser Situation kann sie nicht von der (verlogenen) Fassade ablassen. Sie rechtfertigt ihre Zudringlichkeit beim Baden von Moritz (ca. 15 J.) mit ihrer Sorge um die Hygiene des Sohnes, also ihrer mütterlichen Fürsorgepflicht. Die Dualität ist das Kernthema des Romans. Dass die Brüche in der Figurenzeichnung nicht sorgfältig vorbereitet werden, kann man dem Autor ankreiden – andererseits ist es gerade das plötzliche Wegbrechen der Fassade, das dem Leser den Boden des Gewohnten entzieht und das deshalb besonders wirkungsvoll ist.

Sprache/Duktus:
Kiesbyes Sprache ist ausgesprochen simpel. Sie passt zu den Ausdrucksmöglichkeiten eines Teenagers und auch hier ist der Effekt ähnlich wie bei den anderen verwendeten Stilmitteln. Die Beiläufigkeit und Harmlosigkeit des sprachlichen Auftritts steht in fundamentalem Gegensatz zu den haarsträubenden Inhalten. Das ist ausgesprochen wirksam, der Autor erwischt den Leser ein ums andere Mal in einer ungeschützten emotionalen Situation, weil er ihn zuvor geradezu eingelullt hat.

Bei einem längeren Text wäre mir (persönlich) die Sprache nicht ambitioniert genug, um mein Interesse auf Dauer zu fesseln. Dank des knappen Formats tritt dieser Umstand jedoch hier nicht ein.

Funny:
Das Buch des deutschen Autors kam erstaunlicherweise zuerst in den USA heraus. Es wurde dort von einer Agentin mit der Begründung abgelehnt, es sei ihr „nicht deutsch genug“ -  angesichts der geschilderten norddeutschen Nachkriegs-Spießeridylle ein erstaunliches Statement. Vielleicht hätten ein, zwei Altnazis im Plot geholfen.

Low Fidelity Press hat das Buch schließlich veröffentlich: „Ein Mitarbeiter von Low Fidelity hat mir (dem Autor) später mal im Scherz gesteckt, dass meine Geschichte in dem Moment gekauft war, als mein Protagonist Moritz mit seiner Schwester geschlafen hat. So was finden die Leute hier eben spannend.“

Also, wer sein Manuskript in den USA veröffentlichen möchte, weiß jetzt, was er zu tun hat.

Das komplette Interview mit dem interessanten Autor gibt es hier.

Fazit:
‚Nebenan ein Mädchen’ ist ein knallhartes, mit unterschwelligen und ausgelebten Perversionen spielendes Jugenddrama für Erwachsene. Die Harmlosigkeit der Sprache und die Beiläufigkeit, mit der der Protagonist durch sein Schicksal stolpert, korrespondiert mit der kleinstädtischen Spießeridylle des Settings und ihren sauberen Fassaden, den baulichen, wie den menschlichen. Sobald sich jedoch eine Tür öffnet, blickt der Leser in einen Abgrund aus Totschweigen und Totschlagen, aus Lust am Quälen und quälender Lust. Kiesbye lotet die Grenzen dessen, was wir als menschlich zu bezeichnen geneigt sind, neu aus und lässt uns verstört zurück.

Wer einen konventionellen Krimi mit einem Farbenspiel aus gut und böse sucht, wird ihn hier nicht finden. Für Kinder und Jugendliche ist das Buch zudem nicht geeignet.

Subjektive Bewertung:
3-4 Sterne (von max. 5)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen