Sonntag, 9. Dezember 2012

Rezension – ‚Schilf’ von Juli Zeh


Bildquelle: Amazon.de / btb
Genre:
Grotesker Krimi, quantenphysikalisch-moralphilosphische Satire? – ‚Schilf’ ist keinem Genre eindeutig zuzuordnen und bereits dieses (selten von den Verlagen geduldete) Marketingverbrechen macht den Roman lesenswert.

Umfang:
Ca. 381 Seiten (TB).

Serie:
Leider nein, der Ermittler verflüchtigt sich in diesem Raum-Zeit-Kontinuum. In einem anderen – wer weiß?

Inhalt:
Zwei Physiker konkurrieren miteinander, unendlich viele Welten konkurrieren mit einer einzigen, ein Mann liebt den anderen, der andere liebt seinen Sohn mehr, als ihn, ein Missverständnis führt zu einem Mord, ein Kommissar begreift und stirbt, der Vorhang fällt.

Der Roman stellt im Grunde eine Versuchsanordnung dar, in der die Kontroverse um zwei grundlegende Interpretationen der Quantenmechanik in der Realwelt gespiegelt wird. Im Zentrum steht die ‚Viele-Welten-Theorie’ (auch ‚Multiversum’ im Gegensatz zu ‚Universum’ genannt), die vom Physiker Sebastian vertreten wird, während sich sein bester Freund Oskar gegen diese Interpretation wendet, weil sie nicht beobachtbar rsp.in der Realität beweisbar und deshalb in seinen Augen populistisch ist. Um diesen zentralen Streitpunkt herum werden Themen wie das Wesen der Zeit, die Verantwortung für das eigene Handeln und der Einfluss der Schöpfung (Konstruktivismus) diskutiert. Das hört sich kompliziert und in etwa so unterhaltsam wie eine Physikvorlesung an, aber die Panik ist unbegründet. Man kann den Roman offenbar auch als Naturwissenschaftsphobiker genießen. Die üblichen Lobpreisungen auf dem Cover stammen schließlich von erlauchten Medien wie ‚Freundin’ und ‚Brigitte’, die eher eine kochbuchafine Leserschaft adressieren. 

Erzählzeit:
Gegenwart.

Setting:
Insbesondere Freiburg. Juli Zehs unbestreitbare metaphorische Kreativität haucht selbst Landschaftsaccessoires wie Bäumen und Vögeln figürliche Präsenz ein.

Struktur und Spannungsbogen:
‚Schilf’ mag verlagsseitig und aus marketingtechnischen Gründen in der nachfragestarken Krimischublade abgelegt worden sein, und ja, die Ingredienzien eines Krimis können checklistenverliebte Leser alle abhaken: Kindesentführung, bluttriefender Mord, Motiv, Täter, Opfer, Kommissar(e), Aufklärung – alles da, aber die oberflächliche Krimianmutung wird dekonstruiert. Das Kind verschläft seine Entführung, der Mord ist ein Irrtum, der Täter ist das Opfer, das Opfer ist egal und der Kommissar versucht den Täter zu retten, anstatt ihn einzubuchten. Die Dekonstruktion, die Loslösung der Handlung von ihrem offensichtlichen Sinnzusammenhang, erlaubt der Autorin, alles und jeden in Frage zu stellen und mit einer neuen Bedeutung zu versehen, die mit der Krimihandlung nur oberflächlich in Zusammenhang steht. Der Roman ist eher witzig und grotesk als spannend und sein besonderer Reiz entsteht durch die Interaktion zweier stark polarisierter Figuren (Oscar und Sebastian), deren Bedeutung durch den nicht weniger grenzwertigen Kommissar (Schilf) für den Leser erschlossen wird. Schilf ermittelt nicht nur den (vordergründigen) Mordfall, sondern gleichzeitig die Denkkonzepte, die von den beiden Kontrahenten vertreten werden. Dass die Autorin das Krimithema und die damit vorgegebene Struktur des Romans veralbert, wird schon im Inhaltsverzeichnis deutlich: „Höchste Zeit für den Mord“, „Erst läuft alles nach Plan und dann doch nicht“ oder „Mit Verspätung kommt der Kommissar ins Spiel“.

Ein häufig genannter Kritikpunkt an Juli Zehs Roman (und nicht nur an diesem) ist der komplexe theoretische Überbau, den die Figuren Musterschülern gleich in ihren Dialogen und inneren Monologen wiederkäuen. Aus meiner Sicht ist der spielerische Umgang mit Themen, die sonst nur wissenschaftlich Interessierten vorbehalten sind, gut gelungen. Dass Quantenmechanik mit Philosophie, Religion, Ethik und selbst mit juristischen Fragestellungen eng zusammenhängt, dürfte für viele Leser spannendes Neuland darstellen. Die Eindringtiefe könnte für meinen Geschmack sogar noch etwas tiefer sein. Trocken wirkt die Materie jedenfalls zu keiner Zeit, was vor allem dem Sprachtalent der Autorin geschuldet ist.

Haupt-Charaktere:
Sebastian: Physikprofessor, sensibel, verheiratet, ein Sohn, hat die Familie der wissenschaftl. Karriere vorgezogen.
Oskar: Physiker am Cern, wissenschaftl. Ausnahmetalent, Nobekpreiskandidat, seit Studientagen Sebastians bester Freund, emotionsarmer Denkertyp, arrogant, elitär, will Sebastian für sich alleine.
Sebastian und Oskar sind unterschiedliche Pole der gleichen Figur.
Schilf: leitender Kommissar, baut körperlich ab, hat tödlichen Gehirntumor, Halluzinationen, erkennt als Einziger die Zusammenhänge, Moralist, Mentor von Rita, sucht den wahren Täter.
Rita: Kommissarin; liegt mit ihren Einschätzungen meist daneben, deshalb tut sie immer das, was sie eigentlich für falsch hält; grob, Sozialkompetenz ist nicht ihre Stärke, ehrlich, ehrgeizig, will schnelle Ergebnisse.

Juli Zeh kreiert Figuren, die ins Groteske übersteigert, ja fast comicartig und deshalb einzigartig sind. Es macht ungeheuren Spaß, das seltsame Typenkabinett zu beobachten.

Sprache/Duktus:
Selbst wenn man Physik in der Schule frühzeitig abgewählt hat und mit den Konzepten, die Oskars und Sebastians Lebensinhalt sind, nichts anzufangen weiß, ist ‚Schilf’ ein außergewöhnliches und lohnendes Leseerlebnis. Juli Zeh findet über ihren ungebremsten sprachlichen Spieltrieb eine eigene literarische Form. Sie überschüttet den Leser mit ungewöhnlichen, aber zielsicheren Metaphern und nimmt tradierte Lesegewohnheiten auseinander, um sie in nie gelesener Form und mit überraschenden Ergebnissen wieder zusammenzusetzen. Sie stößt damit beim Leser ein Kopfkino an, das zeitweise an experimentelle Filme von Videokünstlern erinnert. Die bildliche Überladenheit, die bei vielen Autoren zu einem unerträglichem Sprachbarock führt, passt zu den Figuren und ihrer halluzinogenen überreizten Wahrnehmung. Selbst ohne den Plot würden die Sprachexperimente in ‚Schilf’ die Lektüre rechtfertigen. Man sollte den Roman nicht in einem Rutsch lesen, sondern den Metaphern Zeit und Raum geben, um nachzuwirken.
Angesichts des Bilder-Dauerfeuers überrascht es nicht, dass die Autorin auch das ein oder andere Mal daneben greift und in Pathos und Kitsch abgleitet, aber das sind seltene Ausnahmen (Bsp.: Laternen tragen „Röcke aus Licht“, „Teller husten Curry auf die Tischdecke“).

Gleich der Beginn des 1. Kapitels gibt einen guten Eindruck von dem, was den Leser sprachlich erwartet:
„Im Anflug aus Südwesten, aus einer Höhe von fünfhundert Metern betrachtet, gleicht Freiburg einem ausgefransten hellen Fleck in den Falten des Schwarzwalds. Es liegt da, als wäre es eines Tages vom Himmel gefallen und den angrenzenden Bergen bis vor die Füße gespritzt. Belchen, Schauinsland und Feldberg sitzen im Kreis und überschauen eine Stadt, die nach Zeitrechnung der Berge vor etwa sechs Minuten entstanden ist und trotzdem so tut, als hätte sie schon immer da unten am Fluss mit dem komischen Namen gelegen. ‚Dreisam’. Wie Einsamkeit zu dritt.
Ein gleichgültiges Achselzucken des Schauinslands würde Hunderte von Radsportlern, Seilbahnfahrern und Schmetterlingssuchern das Leben kosten; ein gelangweiltes Sich-Abwenden des Feldbergs wäre das Ende des ganzen Landkreises. Weil die Berge mit düsteren Mienen auf das Treiben in Freiburgs Straßen blicken, bemüht man sich dort um Unterhaltungswert. Täglich senden Wald und Berge eine große Menge Vögel in die Stadt, mit dem Auftrag, über die neuesten Ereignisse zu berichten.“

Chapeau! – mehr bleibt nicht zu sagen.

Fazit:
‚Schilf’ gehört zu den bereicherndsten Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Selbst jetzt, beim dritten Lesen, strahlt das sprachliche Feuerwerk ungebrochen. Von der Suggestionskraft der Sprache kann man lange zehren, die Figuren ragen aus dem Heer der seelenlosen Charaktere, die uns aus dem Papierwald ohne Unterlass  entgegenrieseln, meilenweit heraus. Ich kann nur empfehlen, ‚Schilf’ nach der Lektüre in die ‚Wiedervorlagemappe’ zu legen und von Zeit zu Zeit erneut zu genießen. Für Autoren ist das Buch ein Paradebeispiel dafür, was man textlich erreichen kann, wenn man den Mut hat, Denk- und Schreibschemata über Bord zu werfen und seine eigene Sprache zu finden. Thematisch ist das Buch hochaktuell. Sebastian, der Multiversum – Freund, hätte heute deutlich mehr Unterstützer, als zur Zeit der Entstehung des Romans.

Subjektive Bewertung:
5 Sterne (von max. 5)


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Nice to know:
Eine Filmadaption von ‚Schilf’ kam im März 2012 in die Kinos. Die Kritiken sind bescheiden. Es macht sicher Sinn, zuerst das Buch zu lesen, um sich das Lesevergnügen nicht zu ruinieren.

Wer den wissenschaftlichen Hintergrund des Romans besser verstehen will, ohne zum Physikwälzer zu greifen, dem empfehle ich die ausgezeichnete und leicht verständliche TV-Serie ‚Der Stoff, aus dem der Kosmos ist’. Die vierteilige Serie lief kürzlich auf arte und die Folgen sind ab Ende Januar als blu-ray erhältlich (s. Link).

Sebastian verweist im Roman auf den bekannten deutschen Physiker Dieter Zeh, den er in einem Atemzug mit Stephen Hawking nennt. Witzigerweise findet sich in einem neueren Werk des Quantenphysikers mittlerweile auch ein Hinweis auf den Roman 'Schilf' und seine Autorin. Die beiden sind übrigens nicht verwandt.

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