Mittwoch, 5. Dezember 2012

Rezension – ‚Talk Talk’ von T. C. Boyle



Bildquelle: Amazon.de / dtv
Genre:
Literarischer (Psycho-)Thriller.

Umfang:
Ca. 457 Seiten (TB).

Inhalt:
Dana Halter ist gehörlos, aber es ist ihr mit viel Ehrgeiz gelungen, sich ein unabhängiges und erfolgreiches Leben aufzubauen. Sie begreift ihre Taubheit nicht als Behinderung, sondern als etwas, das sie besonders macht. Als sie eines Tages ein Stoppschild übersieht, bricht ihre Existenz wie ein Kartenhaus zusammen. Bei der Überprüfung ihrer Personalien stellt die Polizei fest, das Dana Halter in mehreren Bundesstaaten wegen diverser Verbrechen gesucht wird. Dana wird festgenommen und zusammen mit anderen potenziellen Kriminellen in ein Gefängnis gebracht. Sie kann sich verbal nur unzureichend verteidigen und muss miterleben, dass ihre Taubheit sie in den Augen von Polizei und Mitgefangenen gleichermaßen zu einer Aussätzigen macht. Sie verkriecht sich in die innere Isolation. Erst als ihr eine engagierte Pflichtverteidigerin zur Seite gestellt wird, wendet sich das Blatt. Die Anwältin kann schließlich nachweisen, dass Dana das Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden ist. Dana kommt frei und richtet ihre gesamte Energie auf die Ergreifung des Täters. Zusammen mit ihrem Freund gelingt es ihr, seinen Wohnort zu ermitteln, doch ihre Suche ist nicht unbemerkt geblieben.

Das Thema des Romans (Identitätsdiebstahl) ist vor dem Hintergrund leicht zugänglicher kritischer Informationen über das Internet sowie der Möglichkeit der Täter, über dieses Medium unpersönlich wirtschaftlich aktiv zu werden, hochaktuell. Die Situation hat sich heute gegenüber dem Zeitpunkt, als der Roman erschien, noch deutlich verschärft. Die im Roman geschilderten Methoden wirken aus heutiger Sicht - ca. 7 Jahre später – und wenn man sich mit der Thematik etwas auskennt, fast harmlos. Viel wichtiger für das Buch ist jedoch die Frage, wie ein Mensch damit umgeht, dass seine Identität und damit auch sein psychisches Selbstkonzept angegriffen wird – und hierfür ist die verwendete Technik lediglich ein Katalysator. 

Perspektive:
Wechselnde personale Perspektiven der Hauptfiguren. Da jede Figur eine ganz eigene Motivationslage hat und die Perspektiven sich zeitlich zT überschneiden, entsteht für den Leser ein multidimensionales Bild der Ereignisse. Die Zeitebenen sind anfangs gewöhnungsbedürftig, sie erweisen sich jedoch als reizvolle Besonderheit des Romans.

Erzählzeit:
Präteritum.

Setting:
Unterschiedliche Orte in Kalifornien und New York. Boyle spielt mit dem Kontrast, den das reale Grauen vor dem Hintergrund eines bürgerlich-spießigen Ambientes bietet.

Struktur und Spannungsbogen:
Der Aufbau ist für einen Spannungsroman klassisch: Die Welt der Protagonistin Dana Halter wird durch das auslösende Ereignis (Festnahme/Bedrohung durch Id.-Diebstahl) erschüttert. Hieraus ergibt sich der zentrale Konflikt: Um den Antagonisten davon abzuhalten, dass er ihr Leben vollends zerstört, muss Dana ihn zur Strecke bringen, auch wenn sie sich und andere damit neuen Gefahren aussetzt. Die Ausgangssituation der Protagonistin ist gegenüber dem Antagonisten hoffnungslos unterlegen und damit umso bedrohlicher. Dana ist in ihren Kommunikationsmöglichkeiten eingeschränkt und sie hat keinerlei Erfahrung im Hinblick auf das, was sie vorhat, ganz im Gegensatz zum Antagonisten, der ein Experte im Untertauchen ist. Dana hat zudem ihren Job verloren und findet lediglich in ihrem Freund einen mal mehr, mal weniger motivierten Unterstützer. Aus den Reibungen zwischen der übermotivierten Dana und ihrer Umwelt, die sie (aus ihrer Perspektive) zu wenig unterstützt, entsteht zusätzliche Spannung. Kurzum, die Ausgangssituation ist hoffnungslos und genau so sollte sie auch sein, um ein Maximum an Spannung zu generieren.

Dana gibt trotz ihrer Unterlegenheit nicht klein bei und überlässt die Angelegenheit nicht der unmotivierten Polizei. Durch ihre ‚Behinderung’ gestählt, geht sie zum Gegenangriff über. Ihre Überreaktionen werden angesichts eines übermächtigen Antagonisten für sie und ihren Freund wiederholt zu einer Gefahr (Spannung!). Die Whodunit-Suche und -Überführung führt zu zahlreichen Twists. Immer, wenn die Verfolger dem Antagonisten nahe kommen, erfolgt ein Rückschlag und stellt sie vor eine noch größere, scheinbar unlösbare Aufgabe.

Auf der anderen Seite der ‚Krimi-Gleichung’, wird der ‚Goliath-Antagonist’ durch seinen ‚David-Verfolger’ immer mehr unter Zugzwang gesetzt. Sein geliebtes bürgerliches Scheinleben gerät in Gefahr. Auch seine Existenz beginnt in der Folge zu bröckeln. Aufgrund seiner psychischen Konstitution verhält er sich zunehmend irrational und bringt die eigentlich abgeschlagenen Verfolger wieder ins Spiel. Es kommt zum Show Down (Klimax) und  - für den Leser überraschend und für manchen auch frustrierend, zum Bruch mit der liebgewonnenen Krimilogik. Was erwarten wir? Die Protagonistin siegt, der Antagonist wird bestraft und die Protagonistin heiratet im Epilog von Dankbarkeit beseelt ihren Co-Protagonisten. Die Nihilisten unter uns erwarten möglicherweise ein Neo noir – Finale. Beide haben ihre Rechnung nicht mit TC Boyle gemacht.

Formale Tools, wie zB Cliff-Hanger, werden konsequent eingesetzt, um die Spannung zu maximieren.

Charaktere:
Auch wenn der Plot alle Insignien des Spannungsromans aufweist, liegt der Fokus eindeutig auf den Chakteren und ihrer Entwicklung.

Dana Halter: Protagonistin, taub, hochintelligent, Lehrerin an einer Gehörlosenschule, hat Panik vor jeder Form von Abhängigkeit; sie hat in der Vergangenheit gelernt, dass die Umwelt sie als zurückgeblieben oder durchgeknallt wahrnimmt; sie reagiert bissig auf Zurückweisungen und ist egoistisch in der Durchsetzung ihrer Ziele.
Bridger: Webdesigner, gibt nichts auf Äußerlichkeiten oder Geld, Danas Freund und Support, ist etwas lethargisch, wird von Dana permanent (über)gefordert; er will sie beschützen und gerät durch sie in Gefahr.
Peck Wilson: Antagonist, kriminelle Historie, hatte einst ein bürgerliches Leben mit Familie, wechselt seine Identitäten wie ein Taschenkrebs sein Gehäuse, intelligent, überheblich, rücksichtslos, soziopathisch, legt viel Wert auf bürgerliche Symbole, sein Schwachpunkt ist seine leibliche Tochter, die von ihm ferngehalten wird.

Alle Hauptfiguren sind tief ausgearbeitet und durchweg dual angelegt: Dana hat sympathische Eigenschaften wie ihre Stärke und Furchtlosigkeit und negative wie ihre Überreaktionen, mit denen sie andere leichtfertig in Gefahr bringt. Wie es Boyle gelingt, in die Welt einer Gehörlosen einzutauchen und dabei an allen gängigen Klischees vorbei eine emphatische, aber gleichzeitig auch kritikstiftende Figur zu entwerfen, ist eindrucksvoll.

Bridger ist ein herzensguter Kerl, der Dana bedingungslos liebt – er hat jedoch zu wenig Ehrgeiz und ist zu passiv, um mit Dana in einer Liga spielen zu können. Dadurch fühlt sie sich von ihm behindert, und hat gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn überfordert und sich undankbar fühlt.

Peck ist gegenüber seinen Gegnern kalt und brutal, aber er empfindet Zuneigung für seine Freundin und deren Tochter und will ihnen alles bieten, auch wenn er sich von ihnen zeitweise ausgenutzt fühlt. Peck hat auch eine sensible Seite, die in der bedingungslosen Liebe zu seiner leiblichen Tochter und seinem Faible für das Kochen ihren Ausdruck findet.

Die inneren Konflikte der Figuren sind das Leitmotiv des Romans. Sie sind spannend und dabei absolut authentisch. Insbesondere Danas Kampf mit ihren Dämonen (ihre Stärke, die sie aus der Krankheit gezogen hat, ist gleichzeitig ihre Schwäche gegenüber ihren Mitmenschen) ist nachfühlbar und lässt den Leser zwischen Empathie und Kritik schwanken.

Peck entlarvt in seinem Streben nach Bürgerlichkeit und seinem gleichzeitigen Hass auf die blasierte Hohlköpfigkeit, die ihm in dieser Umgebung begegnet, die Insignien der Neureichen, die er doch so sehr begehrt. Peck hat ganz ähnlich wie Dana ein untrügliches Gespür für das Sein der Menschen hinter dem Schein.

Die Nebenfiguren setzen Dana und Peck als Hauptcharaktere lediglich in Szene. Sie sind klischeehaft angelegt und repräsentieren bestimmte Typen, wie. z. B. Pecks Freundin Natalie (Osteurop., einfache Herkunft, shoppingsüchtig, geltungsgeil, egoistisch, nutzt Peck aus, um selbst nach oben zu kommen; als er ihr keine Vorteile mehr bringt, lässt sie ihn fallen).

Sprache/Duktus:
Boyle haucht seinen Figuren und ihrem Innenleben mit einer kraftvollen metaphorischen Sprache Leben ein. Dennoch ist sein Ausdruck nicht barock überladen. Boyle gelingt es, die einstürzenden emotionalen Fassaden seiner Figuren sprachlich perfekt auszutarieren. Der körperliche Verfall der Hauptfiguren, der ihre psychische Belastung optisch permanent spiegelt‚ liefert eindrucksvolle Bilder für das sensorische Miterleben des Lesers. Der Roman ist insgesamt sprachlich am oberen Ende des Genres anzusiedeln.

Fazit:
‚Talk Talk’ ist ein hochspannender literarischer Thriller, der den Leser miterleben lässt, wie ein simpel zu realisierender Identitätsdiebstahl einen Betroffenen in den Augen der Behörden zum Täter macht – Umkehr der Beweispflicht gegenüber Banken und Versicherungen inklusive. Boyle nutzt das Thema jedoch nur als Aufhänger rsp. als Haifischbecken, in das er seine Protagonistin wirft, die durch ihre Gehörlosigkeit ohnehin schon besonderen Bewährungsproben ausgesetzt ist. Wer in der Folge eine tränenfeuchte Story voller Mitleid und sozialer Wohlfühlromantik erwartet, wird angenehm enttäuscht. Boyles taube Protagonistin ist alles andere als nur ein Opfer, und ihre Gehörlosigkeit ist alles andere als nur eine Behinderung. Ihr Gegner, der Identitätsdieb, kann zwar die bürgerlichen Existenzen seiner Opfer imitieren, sein Ziel, selbst dazuzugehören, bleibt ihm verwehrt. ‚Talk Talk’ ist ein psychologisch fein ausgeloteter und sprachlich dichter Kampf zweier herausragender Figuren gegeneinander und gegen sich selbst. Lediglich das Finale wirkt etwas uninspiriert. Das sprachliche Niveau des Romans ist deutlich am oberen Ende des Genres anzusiedeln.

Subjektive Bewertung:
4 Sterne (von max. 5).

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