Donnerstag, 10. Januar 2013

Filmkritik – ‚Django Unchained’ von Quentin Tarantino (Regie & Drehbuch)

Bildquelle: Amazon.de / Sony Pictures Home Entertainment

Genre:
Western.

Regie:
Quentin Tarantino.

Zentrale Rollen:
Christoph Waltz (Kopfgeldjäger Dr. King Schultz), Jamie Foxx (Sklave Django), Leonardo DiCaprio (Plantagenbesitzer Calvin Candie).

Inhalt:
Zwei Jahre vor Ausbruch des Bürgerkriegs ist die Sklaverei im Süden der USA allgegenwärtig. Der deutschstämmige Kopfgeldjäger Dr. King Schultz befreit den Sklaven Django, der ihn zu den steckbrieflich gesuchten Brittle Brüdern führen soll, auf die ein Kopfgeld ausgesetzt ist. Schultz und Django werden bald Geschäftspartner und Freunde. Sie erregen großes Aufsehen und stoßen auf zahlreiche Widerstände, weil die meisten Landbewohner den gleichberechtigten Umgang mit Schwarzen nicht gewöhnt sind. Als Schultz von Django erfährt, dass er eine Frau hat, die auf der Plantage des mächtigen Großgrundbesitzers Calvin Candie als Sklavin gefangen gehalten wird, beschließt er, seinem Partner zu helfen. Nach einer erfolgreichen Saison als Kopfgeldjäger machen beide sich in den tiefen Süden der USA auf, um die junge Frau zu befreien. 
Kritik:
Django Unchained ist ein typischer Tarantino-Film, der mit Genre-Symbolistik spielt. Er bedient sich zahlreicher Anleihen beim klassischen Italo-Western, die jedoch überhöht und ironisiert verwendet werden. Die pensionsreife Ikone des Italo-Western, Franko Nero, übernimmt beispielsweise eine Nebenrolle in Tarantinos Film. Auch der Titel des Films und des Helden ‚Django’ ist eine Reminiszens an den Italo-Western. In den 60er und 70er Jahren gab es rund 40 Western mit diesem Titel.

Django Unchained ist einerseits ein ungeheuer brutaler Film, der sich an der Visualisierung von Gewalt geradezu weidet, zugleich bringt die Figur des Dr. Schultz immer wieder ein komisches, ja fast satirisches Element in den Plot ein. Man schwankt als Zuschauer zwischen „Oh Gott, ist das eklig!“ und Kicheranfällen, wenn Schultz mit seiner europäisch gebildeten Art und Sprechweise die tumben Landbewohner immer wieder vor den Kopf stößt. Die Figur des Dr. Schultz muss man sich ähnlich angelegt vorstellen, wie jene des kultursinnigen Judenjägers Hans Landa in Inglourious Basterds, die Waltz einen Oscar eingebracht hat. Man merkt dem Film deutlich an, dass er Waltz auf den Leib geschrieben wurde. Die abschließenden Szenen, in denen er plotbedingt nicht mehr vorkommt, verkommen zum monokausalen Schlachtfest, in dem Blut und Hirnmasse von Djangos Gegnern wie in einem Sylvesterfeuerwerk gen Himmel fahren. Die feine Ironie ist mit Waltz gestorben, jetzt schwelgt Tarantino in seiner bildgewaltigen Blutästhetik. Auch andere Tarantino-Filme wie Pulp Fiction (Travolta) und Inglourious Basterds (Waltz) leben von einer einzigen Figur, die den scheinbar genretypischen Plot so verfremdet, dass sich auch Intelektuelle (und Kritiker) für Tarantino-Filme ohne Gesichtsverlust begeistern dürfen.

Django Unchained hat jedoch auch ein ernstes Anliegen. Die Gewaltszenen gegen Weiße sind fast durchweg überhöht und damit ohne Magenbeschwerden zu konsumieren. Die Gewalt, die den Sklaven im Film angetan wird, ist es nicht. Sie ist ernst gemeint, und sie ist historisch verbürgt, und das muss man sich immer wieder vergegenwärtigen. Sklaven sind von eigens zu diesem Zweck gezüchteten Hunden gejagt und bei lebendigem Leib zerfetzt worden, sie sind zu Hahnenkämpfen auf Leben und Tod gegeneinander und zur Gaudi ihrer Besitzer gezwungen worden, sie sind zur Strafe lebendig in Erdlöchern vergraben oder verstümmelt worden und weibliche Hausangestellte mussten sich prostituieren.
Es ist eine höllisch gefährliche Gratwanderung für einen Regisseur – insbesondere in den USA – die Unterdrückung der Afro-Amerikaner in einem Spielfilm ungeschönt zu zeigen, ohne den Stolz ihrer Nachfahren zu verletzen. Tarantino versucht sich an diesem unmöglichen Spagat, indem er die weiße ‚Herrenrasse’ als verroht und vertrottelt darstellt. Dien Weißen sind, ohne sich dessen gewahr zu sein, Komiker in einer Tragödie und erinnern an die Hitler-Parodie von Chaplin. Eine Szene ist besonders gelungen: Der örtliche Ku-Klux Klan unter der Leitung des Großgrundbesitzers ‚Big Daddy’ (herrlich: Don Johnson) will das nicht in ihr Weltbild passende Gespann Dr. Schultz/Django des Nachts überfallen. Schon beim Anritt gibt es Probleme. Die Frau, die für die Anfertigung der Klan-Kapuzen zuständig war, hat gepfuscht. Die Augenlöcher passen nicht und die Vertreter der Herrenrasse reiten blind durch die Nacht. Schließlich halten sie an und streiten aufgebracht darüber, ob sie die Kapuzen trotz der Tradition abnehmen dürfen und wer überhaupt Schuld an dem ganzen Schlamassel sei. Die Szene ist einfach göttlich.

Damit das Verhältnis von Schwarz und Weiß nicht zu schwarz-weiß gerät, gibt es mit Dr. Schultz auch einen guten Weißen und mit dem Diener von Calvin Candie auch einen bösen Schwarzen. Auch Letztere, die sich in einer Art Stockholm-Syndrom mit ihren Unterdrückern identifiziert haben, gab es natürlich. Tarantino hat jedes Register der Political Correctness gezogen und ist natürlich trotzdem angeeckt.
Afro-amerikanische Bürgerrechtsinitiaven und Prominente wie Spike Lee haben sich gegen die entwürdigende Darstellung der Sklaven in einem „Spagetthi-Western“ und die Verwendung abwertender Begriffe wie ‚Nigger’ im Film verwahrt. Aus ähnlichen Gründen sorgen die Plastikpuppen zum Film, die im Rahmen des Merchandising zu fast jedem US-Film angeboten werden, derzeit für viel Aufregung. Tarantino wies die Kritik zurück: "Wenn du einen Film über Sklaverei machst (...) dann wirst du einige Dinge hören und sehen, die hässlich sind." Alles andere sei eine Lüge und würde die Verhältnisse harmloser darstellen, als sie tatsächlich gewesen seien. "Man soll die Brutalität sehen, mit der die Amerikaner die schwarzen Sklaven behandelt haben." Er stellte zudem die Sklaverei und die Ausrottung der Indianer auf eine Stufe mit dem Holocoust der Nazis, was natürlich weitere Kritiker auf den Plan rief.

Fazit:
Insgesamt ist Tarantino ein vielschichtiger und durchaus gesellschaftskritischer Film im Gewand eines Italo-Western gelungen. Intelligenter Spaß und unglaubliches Grauen liegen bei Django Unchained sehr dicht zusammen. Und das ist ungewohnt und für viele Zuschauer sicher auch befremdlich. Die Leistung von Christph Waltz ist herausragend, sie trägt den Film und lässt den Spagat zwischen Western, Action, Komik und Gesellschaftskritik gelingen. Schwächen hat meines Erachtens das Finale des Films, das mit seiner Pulp Fiction – Ästethik und der comichaften Übertreibung nicht das Niveau der vorherigen Szenen erreicht. Auch ist die Figur des Django und die Art, wie Foxx seine Rolle ausfüllt, zu statisch, um die für einen Protagonisten wünschenswerte Empathie zu erzeugen.´

Django Unchained sollte man sich nicht entgehen lassen. Die amerikanische Fassung ist auf jeden Fall vorzuziehen, da die bewusste Verdeutschung von Waltzs englischer Aussprache und Grammatik eng mit der Anlage der Figur verbunden ist.

Nice to know:
Tarantino verdankt seinen Vornamen Quint Asper, einer Figur aus der Westernserie Rauchende Colts. Er ist also ‚genregetauft’.

DiCaprio und Christoph Waltz erhielten bereits eine Nominierung für den Golden Globe in der KategorieBester Nebendarsteller’, Tarantino in der KategorieBeste Regie’ undBestes Filmdrehbuch’; zudem ist der Film in der KategorieBester Film – Drama’ nominiert.

Der Film dürfte auch bei den jetzt anstehenden Oscar-Nominierungen eine wichtige Rolle spielen.

Subjektive Bewertung:
4 Sterne (von max. 5)

8,7 (von max. 10) – ein extrem guter Wert!

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