Sonntag, 27. Januar 2013

Filmkritik ‚Mavericks - Lebe Deinen Traum’ (‚Chasing Mavericks’) von Curtis Hanson und Michael Apted (Regie)

Bild-Quelle: wikipedia; By Siebbi (ipernity.com) [CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
Genre:
Surfer-Drama in Form eines Biopic (das filmische Äquivalent von Biofiction). Filme ohne realen Hintergrund überstrapazieren derzeit offenbar die Vorstellungskraft der Zuschauer.

Inhalt:
Der Teenager Jay Moriarity beobachtet eine Gruppe erfahrener Surfer dabei, wie sie an einem geheimen Spot (Mavericks) in der Nähe von Santa Cruz in Kalifornien besonders hohe Wellen reiten. Es gelingt ihm trotz erheblicher Widerstände, einen der Männer, den Surf-Fanatiker "Frosty" Hesson, dazu zu bringen, ihn zu coachen. Hesson macht seinem Schützling die Ausbildung zum Mavericks-Surfer nicht leicht. Er erlegt Jay zahlreiche Prüfungen auf, die ihn nicht nur körperlich, sondern auch geistig auf die lebensgefährlichen Herausforderungen eines Mavericks-Surfers vorbereiten sollen. Als die Bedingungen für die Megawellen einige Monate später ideal sind, stürzt sich Jay in die Fluten, aber das Meer ist nicht planbar. Jay gerät in Lebensgefahr, aus der er sich nur selbst befreien kann. 

Kritik:
Sportbiografien haben in den USA Konjunktur. ‚Blind Side’, der Film über den Footballstar Michael Oher hat Sandra Bullock einen Oscar eingebracht, ‚Moneyball’ (Baseball) führte für Brad Pitt zu einer Oscar-Nominierung, ‚Million Dollar Baby’, Clint Eastwoods Film über eine weibliche Boxerin, wurde gar mit vier Oscars ausgezeichnet und mit ‚Trouble with the Curve’ legte Eastwood, diesmal als alternder Baseball Scout und unterstützt von Justin Timberlake 2012 einen weiteren Sportfilm nach.
Anders als in Deutschland, ist der Sport für die meisten Amerikaner eine Metapher für einen gesellschaftlichen Wert – die Chance jedes Menschen ungeachtet seiner Herkunft, scheinbar unüberwindliche Hürden zu meistern, wenn er sich nur genug für sein Ziel einsetzt. Der Wettbewerbsgedanke in dieser extremen Ausprägung ist für die meisten Europäer ebenso unverständlich wie die Begeisterung der Amerikaner für Sportlerbiografien.
Zudem ist das Surfen (Wellenreiten) zumindest für die Bewohner der US-Westküste eine Sportart mit kulturellen, ja fast mystisch verklärten Wurzeln. Die Bezwinger der höchsten Wellen, die sogenannten Big-Wave-Surfer werden von ihren Jüngern angebetet. Dennoch – Wellenreiten ist selbst in den USA kein Nationalsport wie Baseball, Football, Basketball und Eishockey. Ein Regisseur steht damit vor einem Dilemma. Er kann einen realitätsnahen Surferfilm drehen, der von den Naturaufnahmen lebt und der die zahlenmäßig begrenzte Zielgruppe der Surfaficionados anspricht, oder er kann eine gängiges Drama rsp. eine Romanze umsetzen, die den breiten Markt anvisiert, und für die das Surfen nur eine Kulisse darstellt. Beide Versuche wurden bereits unternommen, fast alle Projekte sind gescheitert.
Chasing Mavericks’ ist eine Mischung aus beiden Strategien. Das Drehbuch hält sich ungewöhnlich genau an die realen Vorkommnisse um den Surfer Jay Moriarity und die Aufnahmen der Wellen und der Surfer in Aktion sind einzigartig und wirken authentisch. Einige Top-Surfer und Kollegen Jays wurden eng in die Produktion eingebunden und das merkt man.
Dennoch versucht das Oscar-prämierte Regieduo Apted/Hanson das breite Publikum mit einer Liebesgeschichte und tragischen Elementen zu adressieren und das geht in die Hose. Obwohl Kassenmagnet Gerard Butler als raubeiniger Surffanatiker Frosty einen glaubwürdigen Job macht und auch sein Kollege Jonny Weston als Jay zumindest nicht unangenehm auffällt, bleiben die Charaktere flach und Jays Liebesgeschichte erreicht nicht mehr als Jugendfilmniveau.
Ein Film über Extremsportler, seien es Drachenflieger, Bergsteiger oder Big-Wave-Surfer, kann ein größeres Publikum nur erreichen, wenn er die wichtigste Frage, den zentralen Konflikt nahebringt, der Otto-Normal-Bader beschäftigt: WARUM? Was bringt Menschen dazu, ihr Leben für scheinbar nichts zu riskieren. Sie retten niemanden, sie verschaffen sich keinen messbaren Vorteil gegenüber ihren Mitmenschen (Geld, Gier) und mit den anderen großen menschlichen Motivatoren, also mit Liebe und Hass, hat das Ganze offenbar auch nichts zu tun. Also WARUM? An dieser Film scheitert der Film meines Erachtens, jedenfalls im Hinblick auf die weite Zielgruppe. Frosty adressiert die Frage durchaus, indem er Jay Aufsätze schreiben lässt, die seine Beziehung zum Wasser und seine Ängste ansprechen. Der Zuschauer sieht die Briefe, über den Inhalt wird jedoch nur oberflächlich gesprochen. Es bleibt beim Versuch, dem Zuschauer eine für ihn unbekannte Welt zu erschließen. Ein Surfer, Segler oder Taucher – kurzum ein „Wassermensch“, wie Frosty diese Menschengattung treffend bezeichnet, wird sich die Frage ‚WARUM?’ gar nicht erst stellen, und für jene ist der Film spannend und unterhaltsam. Der große Rest wird nach dem Film genauso auf dem Trockenen sitzen wie zuvor.


Nice to know:
Der echte Jay Moriarity starb ironischer Weise nicht beim Versuch, eine Monsterwelle zu bezwingen, sondern er ertrank beim Tauchen auf den Malediven. Leider findet die echte Tragödie nur im Epilog in Form einer Gedenkfeier auf dem Meer Erwähnung. Daraus hätte man durchaus mehr machen können.
Gerard Butler hatte bei den Dreharbeiten das zweifelhafte Vergnügen, von einer Welle fast ertränkt zu werden und musste anschließend zum Check ins Krankenhaus. Könnte natürlich auch ein Marketinggag sein, wäre nicht das erste mal - who knows?

Subjektive Bewertung:
2 Sterne für ‚Hydrophobe’, 3 Sterne für ‚Wassermenschen’ (von max. 5).

IMBD-Bewertung: (Stand 27.01.2013)
6,2 (von max. 10).

Kommentare:

  1. schreibst du hier ne Gesellschaftskritik oder ne Rezension über nen Film?
    wobei es schon Seltenheitswert hat dass einer so in die Bresche für das amerikanische Wertesystem springt.
    nix für ungut, aber son subjektiven Touch in ne Filmkritik zu schreiben...
    musste ja wissen

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    1. Die meisten Europäer, mit denen ich mich über die Schwemme US-amerikanischer ‚Sportlerbiografien’ unterhalte, reagieren mit Unverständnis auf dieses Genre. Deshalb habe ich diesen Film in den gesellschaftlichen Kontext gestellt. Bei einem Krimi hätte ich mir das sicher gespart. Dass ich für das „amerikanische Wertesystem“ „in die Bresche“ springe, wäre mir - glaube ich – aufgefallen. Ich erkläre die Begeisterung für die Filmgattung anhand einer gesellschaftlichen Spezifik, die es in dieser Ausprägung bei uns nicht gibt, mehr nicht. Wenn ich einem Chinesen die zahlreichen Filme in Deutschland, die sich mit dem II. Weltkrieg und dem Holocaust beschäftigen, mit der Deutschen Geschichte erkläre, kann man daraus kaum schließen, dass ich ein Nazi bin. Hoffe ich zumindest. Zum „subjektiven Touch“ meiner Filmkritik: Jede Rezension ist subjektiv. Eine Filmkritik ist keine naturwissenschaftliche Versuchsbeschreibung anhand von Kennzahlen. Zu einer „objektiven Kritik“ sind nur Politiker in der Lage. Das glauben sie zumindest. Ich maße mir das nicht an, abgesehen davon, dass es fürchterlich langweilig wäre.
      Nochmals vielen Dank für Dein Feed-back. Vielleicht trifft meine nächste Rezension wieder eher Deinen Geschmack. Bis dahin, alles Gute!

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  2. Ein empfehlenswerter Roman aus der Welt des (Extrem-)Surfens: 'Atem' des australischen Autors Tim Winton.

    Meine Rezension hier im Blog:
    http://wolffrump.blogspot.de/2013/03/rezension-atem-von-tim-winton.html#more

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