Freitag, 11. Januar 2013

Filmkritik – ‚Zero Dark Thirty’ von Kathryn Bigelow (Regie/Co-Produktion)

Bildquelle: Amazon.de / Universal

Genre:
Geheimdienst-Thriller/Drama.

Regie:
Kathryn Bigelow.

Zentrale Rollen:
Jessica Chastain als Maya
Jason Clarke als Dan
Joel Edgerton als Patrick, Red Squadron Team Leader
Mark Strong als George
Jennifer Ehle als Jessica
Kyle Chandler als Joseph Bradley, CIA Islamabad Station Chief

Inhalt:
Die junge CIA-Agentin Maya reist 2003 zur US-Botschaft in Pakistan, um Informationen über den Aufenthaltsort von Al-Qaeda – Führer Osama bin Laden zu gewinnen. Sie begleitet ihren CIA-Kollegen Dan mehrfach zu geheimen Einrichtungen (sog. ‚Black Sites’), in denen Gefangene mit Foltermethoden wie Waterboarding verhört werden. Es gelingt ihnen mit einem Trick, den Namen eines Mannes zu erhalten, der offenbar als Nachrichtenüberbringer den Kontakt zwischen bin Laden und der Al-Qaeda – Führung sicherstellt.
Maya verbringt die nächsten Jahre damit, der Spur des potenziellen Kontaktmannes zu folgen. Zahlreiche Rückschläge wie ein Bombenattentat auf eine enge Kollegin von Maya, aber auch bürokratische und politische Hemmnisse sowie Ermittlungspannen behindern Mayas Projekt. Ein Durchbruch ergibt sich, als die Mutter des gesuchten Kontaktmannes identifiziert werden kann. Über abgehörte Telefonate mit ihrem Sohn kann seine ungefähre Position in Pakistan festgestellt werden. Da er nur alle paar Wochen und in unregelmäßigen Abständen sein Handy einschaltet, müssen die Ermittler vor Ort über einen längeren Zeitraum die Umgebung nach seinen Signalen scannen, bis schließlich ein Mann in ihren Fokus gerät, der sie zu einem gut gesicherten Anwesen in einem ländlichen Vorort namens Abbottabad führt. Trotz monatelanger Überwachung kann die CIA nicht feststellen, ob sich Osama bin Laden in der Villa aufhält. Ein militärischer Einsatz ist risikoreich und müsste ohne das Wissen der korrumpierten pakistanischen Politiker erfolgen. Maya drängt ihre Vorgesetzten zu einer Entscheidung.

Kritik:
Zero Dark Thirty  ist kein Action Thriller oder ein Drama im herkömmlichen Sinne, sondern ein Film mit semi-dokumentarischem Charakter. Wer ausgefeilte Charaktere mit hohem Empathiepotenzial erwartet, Wert auf sprachliche und visuelle Kabinettstückchen legt und ohne komplexe und ineinander verwobene Sub-Polts cinematische Entzugserscheinungen bekommt, der wird von Zero Dark Thirty enttäuscht sein. Spannend ist der Film jedoch allemal, und er unterscheidet sich wohltuend vom heldenpathosschwangeren Hollywood-Kitsch, der Militär-Dramen sonst unweigerlich begleitet. Zero Dark Thirty gewährt tiefe Einblicke in die Ermittlungswelt der CIA und der mit ihr verbundenen Organisationen. Die Darstellung der Foltermethoden ist ungewöhnlich explizit, aber nicht wertend. Ein weiterer Aspekt, der im Film ausgeleuchtet wird, ist die Behinderung der operativen Ermittlungsarbeit durch die ungeheuer komplexen und langsamen bürokratischen Prozesse.

Lob gebührt den Filmemachern auf jeden Fall im Hinblick auf die genau recherchierten Abläufe und Verfahren bei der Jagd nach bin Laden. Die Frage nach dem WIE hält den Zuschauer bei der Stange. Angst um die Protagonistin ist es sicher nicht, dafür ist die Figur zu flach angelegt. Abgesehen von ihrem Ehrgeiz und ihrer Intelligenz ist Maya eigenschaftslos: sie hat weder Familie noch Lover noch Schwächen oder Leidenschaften – nichts wirft sie aus der Bahn, selbst ein Anschlag auf sie bleibt ohne einen emotionalen Effekt. Die Kugeln prasseln auf ihr Fahrzeug ein, aber Maya duckt sich nur, legt den Rückwärtsgang ein und fährt wieder zurück in die Einfahrt der Botschaft. That’s cool – isn’t it? Aber unter uns, welche junge Frau frisch aus dem Bürojob und ohne jegliche Einsatzerfahrung reagiert so? Mal abgesehen davon, dass die CIA keine rothaarige Schönheit alleine in Pakistan herumkurven lassen würde. Drehbücher ohne ‚starke Frauen’ (oder starke Afro-Amerikaner) gelten in Hollywood aus Gründen der Political Correctness derzeit als unverkäuflich. Es darf deshalb nicht verwundern, dass sich niemand (öffentlich) an der Realitätsferne der Figur gestört hat. Trotzdem hat der Film bereits im Vorfeld hohe Wellen geschlagen. Gestört haben sich vor allem konservative Politiker an der Zurschaustellung der Folter als eingesetztes Ermittlungsverfahren und an der Tatsache, dass der Film Obama im Präsidentschaftswahlkampf in die Hände hätte spielen können. Letzteres ließ sich terminlich regeln. Der Film scheint jedoch verdächtigerweise so nah an den tatsächlichen (und eigentlich geheimen) Ermittlungen zur Verfolgung bin Ladens anzuknüpfen, dass der Geheimdienstausschuss des Senats eine Untersuchung der Kontakte zwischen CIA und den Filmemachern angekündigt hat. Der Reputation des Films hat der ‚Verdacht’ der Realitätsnähe natürlich nicht geschadet. Die Kritik ist kollektiv begeistert.

Fazit:
Zero Dark Thirty ist eine spannende, halb-dokumentarische Aufarbeitung der sagenumwobenen Ereignisse, die schließlich zur Ergreifung bin Ladens geführt haben. Ein Drama mit emotionalem Tiefgang ist der Film m E nicht. Die Hauptdarstellerin leistet innerhalb der gesetzten Grenzen des Genres und des Drehbuchs dennoch eine gute Performance, die mit einer Oscar Nominierung geadelt wurde. Letzteres halte ich für sehr ambitioniert. Der Film ist dennoch sehenswert. Für Jugendliche ist er aufgrund der realitätsnahen Folterszenen ungeeignet.

Nice to know:
Das Drama wurde in fünf Kategorien für den Oscar nominiert: Bester Film, Beste Hauptdarstellerin, Bestes Originaldrehbuch, Bester Tonschnitt und Bester Filmschnitt.

Die Feministin und Sozialaktivistin Naomi Wolf kritisierte die Regisseurin Bigelow mit den Worten: "Like Riefenstahl, you are a great artist. But now you will be remembered forever as torture's handmaiden.“
Na ja, die Realität mit der Begründung nicht zeigen zu dürfen, dass sie die Realität begünstigt, ist auch keine Lösung. Sonst können wir uns 24h am Tag die Teletubbies ansehen.

Der seltsame Titel ist übrigens Militär-Kauderwelsch und bedeutet 30 Minuten nach Mitternacht.

Subjektive Bewertung:
3-4 Sterne (von max. 5).

7,7 (von max. 10; Stand Anfang Feb. 2013) – ein sehr guter Wert.

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