Montag, 7. Januar 2013

Rezension – ‚ Pines’ (Thriller) von Blake Crouch

Bildquelle: Amazon.de / Thomas & Mercer
Genre:
Mystery-Thriller.

Umfang:
Ca. 316 Seiten (TB Print).

Inhalt:
Secret Service Agent Ethan Burke reist nach Wayward Pines, um nach zwei seiner Kollegen zu suchen, die spurlos verschwunden sind. Als er den Ort erreicht, wird Burke Opfer eines schweren Verkehrsunfalls. Er wird mit einem Schädeltrauma in ein Hospital eingeliefert. Burke hat weder einen Ausweis bei sich noch Geld oder ein Handy, und er kann sich anfangs nicht erinnern, wer er ist. Da weder die Krankenhaus-Mitarbeiter noch der örtliche Sheriff ein Interesse an seiner Identität zu haben scheinen, macht sich Burke selbst auf die Suche nach seiner Vergangenheit. Auf seiner Odyssee durch Wayward Pines findet Burke seinen ermordeten Kollegen. Seine Partnerin scheint seltsamerweise unbehelligt im Ort zu leben. Seine Nachfragen werden von den Dörflern abgewiegelt. Als Burkes Erinnerung langsam wiederkommt, versucht er seine Dienststelle und seine Familie zu erreichen, aber seine Anrufe laufen ins Leere. Von einer Bewohnerin erfährt Burke, dass die Ortschaft hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt ist. Gemeinsam beschließen die beiden zu fliehen, aber ihre Flucht bleibt nicht unbemerkt. Bald zieht sich eine Blutspur durch den beschaulichen Ort.

Setting:
Die fiktionale Kleinstadt Wayward Pines in Idaho. Die kleinstädtische Rückständigkeit (i. S. v. Spießeridyll) ihrer Bewohner wird authentisch und mit großer Detailtiefe geschildert. Auch die Schönheit und gleichzeitig die Bedrohlichkeit der umgebenden Gebirgswälder wird verbal anschaulich transportiert. Die Figuren agieren in einem interessanten, die Fantasie beflügelnden Umfeld.

Struktur und Spannungsbogen:
Crouch kombiniert geschickt eine Reihe von Hilfsmitteln, um die Spannung aufzubauen rsp. zu halten. Der Erinnerungsverlust des Protagonisten sowie seine durch das Trauma hervorgerufenen Halluzinationen lassen bis zur Klimax eine Vielzahl von Fragen im Raum stehen, deren Beantwortung der Leser entgegenfiebert. Es ist jederzeit unsicher, ob eine Wahrnehmung des Protagonisten und ihre Interpretation real oder ein Ergebnis seiner Verletzung ist. Burkes Unsicherheit überträgt sich auf den Leser. Die Angst, nicht zu wissen, was wahr und was eingebildet ist, ist eine Grundstimmung, die sich durch die Handlung zieht. Ein weiteres Spannungs-Tool ist der Fish-Bowl -Effekt des Settings. Die äußere Begrenzung und damit die Unentrinnbarkeit des Handlungsortes erzeugt ein Gefühl des Ausgesetztseins und der Klaustrophobie, was wiederum die Spannung erhöht. Das Setting hat fast etwas Bühnenhaftes – im positiven Sinne. Zur Klimax hin kommt dann noch ein Time-Bomb-Effekt hinzu, weil der Protagonist ohne Nahrung nur noch eine bestimmte Zeit lang überleben kann. Auch dies erhöht die Spannung. Crouch nutzt professionell das ganze Repertoire des Thrillerautors, ohne dass die Story dabei schematisch wirkt.

Kritisch anzumerken ist, dass die Mystery-Elemente des Plots mE zu spät im Handlungsablauf einsetzen und dann zu plötzlich ‚das Ruder übernehmen’. Die Auflösung (Pay-off) ist zu wenig durch entsprechende Set-ups im Plot verankert, dadurch wirkt sie zu unglaubwürdig, was wiederum zu einem unnötigen Spannungsverlust führt. Ich hatte den Eindruck, als wenn der Autor nach 3/4 der Story plötzlich bemerkt hätte, dass er auf eine ‚verlagsunfreundliche’ Seitenzahl zusteuert und dann das vorgesehene Ende forciert hat. Ein Eindruck, wie gesagt, nicht mehr.

Charaktere:
Die Story ist stark protagonistengesteuert, die übrigen Figuren haben nur Typencharakter und dienen dazu, den Protagonisten in Szene zu setzen. Empathie kommt deshalb nur bei Ethan Burke auf, aber das ist von der Anlage der Story her eine tragfähige Lösung.

Perspektive:
Mit wenigen Ausnahmen personale Perspektive des Protagonisten. Die Ich-Perspektive wäre meines Erachtens noch wirkungsvoller gewesen, um den Leser das Martyrium des Protagonisten miterleben zu lassen.

Erzählzeit:
Vergangenheit (Präteritum). Auch hier hätte der Präsenz (in Kombination mit einem Ich-Erzähler) das Gefühl des Ausgesetztseins und der steigenden Handlungsgeschwindigkeit nochmals befördert.

Sprache/Duktus:
Crouchs sprachliches Potenzial wird dem bildgewaltigen Setting jederzeit gerecht. Er ist jedoch kein Sprachspieler, der durch Tempowechsel, Auslassungen und ausgefallene Metaphern die Handlung spiegelt. Sprache dient hier nur dem Transport von Informationen. Der Fokus liegt auf der Handlung, womit er sich in der Thrillerlandschaft in guter Gesellschaft befindet.

Fazit:
‚Pines’ ist ein spannender Mysterythriller, der dem Leser mit einem einfallsreichen und ungewöhnlichen Plot in Erinnerung bleibt. Handlung, Setting und Protagonist gehen eine fruchtbare Symbiose ein. Lediglich die Auflösung der Story ist zu wenig im Plot verankert und bleibt deshalb hinter den Erwartungen zurück, die sich nach der Lektüre der vorangegangenen Kapitel aufgebaut hat. Die Message, die der Autor mit seiner Story transportieren möchte, ist zu gewichtig für das knappe Ende. Dennoch ist ‚Pines’ ein empfehlenswertes und sehr gut unterhaltendes Buch.

Subjektive Bewertung:
3 Sterne (von max. 5).

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