Freitag, 8. März 2013

Rezension – ‚Atem’ von Tim Winton (Originaltitel: ‚Breath’)


Genre/Subgenre:
Drama / Coming of age.

Umfang:
Ca. 235 Seiten (TB/Print).

Inhalt:
Bruce Pike lebt mit seinen Eltern in einem kleinen Kaff an der Westküste Australiens. Gemeinsam mit seinem Kumpel Loonie versucht er die Langeweile zu besiegen, indem er das Leben herausfordert. Die beiden Teenager messen sich unentwegt in immer gefährlicheren Wettkämpfen. Als sie das Surfen (Wellenreiten) für sich entdecken, verliert das Leben an Land seine Bedeutung. Bruce und Loonie schließen sich dem Surf-Guru Sando an, der sie anleitet. Gemeinsam surfen sie einige der gefährlichsten Brandungen. Sie riskieren ihr Leben und berauschen sich an der Gefahr, doch unter dem Brennglas des immer gegenwärtigen Todes kristallisieren sich die charakterlichen Unterschiede innerhalb des Trios heraus, die schließlich zum Bruch führen.

Perspektive:
Ich-Erzähler. Angesichts des geringen Umfangs des Romans ist dies das geeignetste Verfahren, um den Leser in der notwendigen psychologischen Tiefe an der Entwicklung des Protagonisten und (aus seiner Sicht) jener seiner Freunde teilhaben zu lassen.

Erzählzeit:
Die Story beginnt mit einer im Präsenz geschilderten kurzen Passage in der Gegenwart, blendet dann in die Kindheit und Adoleszenz des Protagonisten zurück (im Präteritum erzählt), bis sie wieder in der Gegenwart angelangt.

Setting:
Die Westküste Australiens ist mit ihrer ländlichen Kargheit und maritimen Wildheit nicht nur ein perfekter Ort für einen Surferroman, sondern auch das bildliche Gegenstück zur zunehmenden psychischen Fokussierung der beiden Jugendlichen. Sie stürzen sich gewissermaßen auf das einzige Leben, das diese Gegend aufweist. Abgesehen vom Meer existiert nichts außer Staub, einem Flüsschen, das sich darmartig durch den Dreck schlängelt und eintöniger Arbeit.

Struktur und Spannungsbogen:
Das Grundgerüst des Romans ist ebenso simpel wie effizient. Der Autor lässt uns an den immer grenzwärtigeren Aktionen des Duos und späteren Trios teilhaben. Je extremer sich die Situation entwickelt, desto deutlicher treten die Unterschiede zwischen den beiden Freunden hervor, bis sich die frühzeitig erkennbaren charakterlichen Haarrisse zu unüberwindlichen Gräben entwickeln. Beide wetteifern um die Gunst ihres Surfergotts Sando, wobei kleinste Gunstverschiebungen aufmerksam registriert werden. So setzen sie sich nicht nur um ihrer selbst Willen der Gefahr aus, sondern versuchen sich durch besonders tollkühne Aktionen seiner Zuneigung zu versichern. Sando seinerseits scheint der jugendlichen Ungestümtheit seiner Zöglinge zu bedürfen, die auch ihn wieder anstachelt. Er agiert also alles andere als selbstlos, auch wenn er insbesondere von Bruce zeitweise als Ersatz für seinen ambitionslosen Vater betrachtet wird.

Die Surfszenen sind ausgesprochen spannend und bildstark. Entscheidender ist jedoch die sehr fein austarierte psychologische Interaktion zwischen den drei Akteuren und der etwas später an Bedeutung gewinnenden Frau des Surf-Gurus. Ihre Risikogeilheit hat letztere (als ehemalige Ski-Freestyle-Läuferin) nicht nur physisch, sondern auch emotional zum Krüppel gemacht. Sie behilft sich ausgefallener Sextechniken, die sich nur unwesentlich von Extremsport unterscheiden, um sich den letzten Kick zu verschaffen. Auch sie nutzt Bruce aus, wenn auch auf eine weniger subtile Art, als ihr fernsüchtiger Gatte.

Charaktere:
Bruce wird als unsicherer Jüngling geschildert, der seinem Freund und später auch dem Guru imponieren und ihre Zuneigung und ihren Respekt erwerben möchte. Als dies nicht mehr gelingt, steigt er aus. Einen Fuß in die Tür des normalen Lebens zu bekommen, fällt ihm allerdings schwer. Er bleibt ein einsamer Sonderling.

Loonie erinnert in seiner Risikoverliebtheit an einen egozentrischen Psychopathen, der nur einem Götzen dient – sich selbst und seinem Ego. Er ist noch extremer als Sando und zieht schließlich (bildlich) an ihm vorbei.

Sando ist ein Surfästhet, der die Fixiertheit auf seinen Sport in ein quasireligiöses Gewand kleidet. Nach außen hin gibt er den entspannten Hippie, tatsächlich ist er manipulativ und besessen. Er braucht die beiden als Jugendelixier genauso, wie Bruce und Loonie ihn als Ersatzvorbild (mangels geeigneter Vaterfiguren) und Mentor benötigen. Er ist vermutlich der einzige Gewinner der Story und aus dem Hippie wird zum Ende hin jemand Unerwartetes.

Eva ist die personifizierte Verbitterung und ein wandelndes Menetekel, das zeigt, was passieren kann, wenn die Risikofixiertheit nach hinten losgeht. Sie wird deshalb anfangs von den beiden Jungs gemieden, die sich ihren Glauben und ihren Mentor von ihr nicht nehmen lassen wollen. Als Bruce sich von Sando vernachlässigt fühlt, wendet er sich Eva zu. Beide wollen sich wohl an Sando rächen und auch bei ihrem Sex bleibt das Risiko nicht außen vor.

Sprache/Duktus:
Tim Winton hat zahlreiche literarische Preise gewonnen und gilt als einer der bedeutendsten Autoren Australiens. Seine Sprache ist klar und einfach und entbehrt jeglicher Verschnörkelung. Es gelingt ihm nahezu perfekt, das Geschehen zu verbildlichen, ohne sich eines Adjektiv- und Metapherzirkus bedienen zu müssen.

Fazit:
Tim Winton ist ein Satzsurfer zwischen Welle und Literatur. ‚Atem’ ist ein cleverer Coming of age – Roman, spannend und verstörend zugleich. Die vielfach bemühte Surferromantik findet sich hier nur an der bildlichen Oberfläche. Das eigentlich Interessante an ‚Atem’ ist die psychische Motivation der Akteure und ihre komplexe und sich entwickelnde Interaktion. Während die meisten Menschen in ihrem unspektakulären Zivilleben ihre Motive und ihre charakterlichen ‚Untiefen’ mit Leichtigkeit verschleiern können, gelingt dies im Angesicht des Todes - also hier beim Extremsurfen - nicht mehr. Die Untiefen werden sichtbar und was sich offenbart, steht oft im Gegensatz zu den traumhaften Bildern. Schwächen hat der Roman für mich zum Ende hin. Bruces Weg nachdem Sando von seiner letzten Reise zu Eva zurückkehrt ist, wird zu stark gerafft. 50 Seiten mehr hätte ich Bruce gegönnt, um seine Entwicklung und deren Problematik deutlicher zu machen.

Insgesamt ist ‚Atem’ ein sehr empfehlenswertes Buch nicht nur für Wellenreiter.

Subjektive Bewertung:
4 Sterne (von max. 5)




---------------------------------------------------------------------------------------------------------
Bildquelle: Amazon.de / btb

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen